Art Basel Miami Beach

Erläuterung: Es gibt so etwas wie einen Wanderzirkus in Kunst und Kultur. Man kann es auch „Art“ nennen, und Menschen die von „Art zu Art“ reisen, nennt man „Arties“. Sie pendeln, möglichst mit einem Lear-Jet - wie die Damen von der Haarspray-Werbung, - zwischen Rom, Paris, London und Wien hin und her.

Und - jawohl, auch nach Basel!

Der Protagonist dieser Geschichte, Eugène de Escargot, auch in mehreren nachfolgenden Episoden auftretend, besuchte einst die Art Basel Miami Beach im Jahre 2006.

 

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Art Basel Miami Beach. Vincenzo Callioni, Florenz (1447 - 1532) “ Porträt einer jungen Frau“.

Kaufpreis Euro 32.000,00

 

Mein Name ist Eugène de Escargot. An einem schönen Nachmittag, Sonntags, im Jahre 2006, besuchte ich die Stadt Basel, eines Kultur- und Gesellschaftsereignisses wegen. Nachdem ich durch die Straßen von Basel gegangen war und mir die Auslagen der Geschäfte angesehen hatte, besuchte ich die Art Basel Miami Beach; der Szenemagnet schlechthin. Die Kölner Art Cologne, die Londoner Frieze und 2006 die Art Basel Miami Beach!

Die Stadt Basel ist an sich so aufregend wie eine Wanderdüne und dennoch ist die Art Basel Miami Beach eines der beliebtesten Kultur- und Gesellschaftsereignisse weltweit geworden. Die Reichen und die Schönen verkehren hier. Ich bin nicht Reich, im Gegenteil! Meine Familie, de Escargot, sind seit dem Dreißigjährigen Krieg verarmt und Geschlechtskrank. Ich, Eugène der Letzte dieser Familiendynastie, bin nur verarmt!

Das Glas gefüllt mit Veuve Klicke zu 20 Euro, kostete mich nichts denn ich bin Gast eines befreundeten deutschen Kunsthändler der wiederum mit dem Messechef Samuel Keller befreundet ist. Ich unterliege nicht dem Zwang etwas kaufen zu müssen und ich bin auch kein Artie, wie man diese Generation der partyhungrigen Kunstfreunde nennt, ich bin frei, frei wie ein Gimpel.

Einmal befragte ich einen dieser Arties, was denn nun Kunst sei, worauf ich zur Antwort erhielt: „Was Kunst ist, können uns nur die Künstler sagen.“ Donnerwetter, ich war gerührt. Ich erlaubte mir eine bescheidene Zusatzfrage: „Und wer bestimmt nun, wer ein Künstler ist?“ Worauf ich die Antwort erhielt: „Wer Kunst produziert, ist eben ein Künstler.“ Oh heilige Einfalt!

 

Jackson Pollocks Bild „No5, 1948„ erinnerte mich an die Kochkünste meiner Mutter, wenn sie Samstags (jeden Samstag des Jahres, denn Samstags war Wäsche- und Putztag und da fällt das Mahl eben etwas dürftiger aus, und Geld hatten wir auch keines) Kartoffel mit Leberwurst und Blutwurst servierte und ich die Kartoffeln mit Leberwurst und Blutwurst solange zermanschte bis ein farbiger Brei entstand, der Pollocks Bild ähnelte. Übrigens, meinen Teller habe ich nie leer gegessen, Blutwurst fand ich barbarisch - Leberwurst auch! Mit 14 Jahren hatte ich mich verweigert. Ich sah die schöne weiße jungfräuliche unschuldig danieder liegenden frisch gepellten Kartoffeln vor mir auf dem Teller liegen und daneben einige ordinäre Kleckse Leber- und Blutwurst, die ich in die schöne weiße jungfräuliche unschuldig danieder liegenden frisch gepellten Kartoffeln zu drücken hatte. Ich warf zornig die Gabel auf den Boden und wollte vehement aufspringen um die Küche zu verlassen doch eine gewaltige Backpfeife meiner Mutter hinderte mich daran. Es war die einzige Backpfeife die mir meine Mutter verabreichte und hinterher weinten und lachten wir beide um die Wette. Sie meinte, das eben unser Geldbeutel zu schmal sei um besseres Essen zu servieren und ich sagte ihr das es nicht darum ginge sonder eben darum, das ich diese ordinäre Leberwurst- Blutwurstorgie nicht in diese schöne weiße jungfräuliche unschuldig danieder liegenden frisch gepellten Kartoffeln drücken könne.

 

Die Arties fressen Kaviar und Austern als würde der Weltuntergang bevorstehen. Genau so ein ekliges Farbklecksgemansche wie Pollocks Bild. Ich wandelte durch die heiligen Hallen des Kunst- und Kulturolymp und blieb an einem Gemälde stehen das mich auf eine gewisse Art faszinierte.

Das Gemälde war schön, alt, unbekannt der Maler, ein Porträt einer jungen Frau, und kaum beachtet, es hatte wenigen Wert in den Augen der Arties, denn der Filmproduzent David Geffen, der das Preisniveau vorgab, hatte es wohl übersehen. Wert hat nur das, das auch was kostet.

 

Porträt einer jungen Frau, erstellt von Vincenzo Callione (1447 - 1532) Florenz. Und die Augen der jungen Frau so schien es mir, blickten nur mich an.

Bestimmt stand ich schon seit einer halben Stunde vor diesem Porträt einer jungen Frau, erstellt von Callione als sie mich unvermutet ansprach. „Sehen Sie die Gier in ihren Augen Eugène de Escargot? sie wollen Pollock kaufen und Klimt, Renoir, Picasso und Van Gogh. Sie wollen Werte steigern. Für Jackson Pollocks Bild No. 5, 1948 zahlte doch jemand 106,5 Mio. Euro und für Klimts Adele Bloch-Bauer I. immerhin 102 Mio. Euro. Kunsthandel nennt man das, Kapitalanlage, Werte steigern. Ich bin für läppische 32.000 Euro zu haben und keiner kauft mein Porträt dabei bin ich um einiges schöner als Adele, und jünger, wollen Sie mich nicht kaufen? Ich möchte nicht mehr von Stadt zu Stadt, von Galerie zu Galerie reisen, von Messe zu Messe, in Lastwagen in denen es kalt ist von der Zugluft, besonders in den Wintermonaten. Ich möchte endlich ein Zuhause!“

 

Ich, Eugène de Escargot, ich bin beileibe nicht verrückt, und koksen liegt mir fern. Es musste wohl eher an der Veuve Klicke in meinem Glas zu 20 Euro gelegen haben. Jedenfalls, dass ich von einem fünfhundert Jahre alten Porträt einer jungen Frau angesprochen wurde verwunderte mich noch nicht einmal so sehr, im Gegenteil, ich fragte sie sogar nach ihrem Namen und sie antwortete, das sie “Porträt einer jungen Frau“ heiße, und ihren einstigen Namen vergessen habe, denn immerhin sei sie zwar erst 18 Jahre alt aber dennoch älter als fünfhundert Jahre, da darf man schon mal seinen Namen vergessen.

 

Ich stimmte ihr mit Kopf nicken zu und hoffte insgeheim dass mich dabei niemand beobachtet habe. Das würde mir noch fehlen das jemand posaunt, da hinten in der Ecke steht einer der mit einem Gemälde redet.

Sie führte weiter aus:

„Ach, nennen Sie mich doch einfach Florence, ich bin aus Florenz, lieber Eugène de Escargot, so ist dieser Name am einfachsten zu merken. Haben Sie ihre Liebste schon einmal gemalt? entschuldigen Sie, Sie haben ja die Fotografie. Dank der Chemie, den Naturwissenschaften und physikalischer Gesetze macht ihr ja Bilder von euerer Liebsten.

Mein Liebster, Vincenzo Callioni malte mich um ein Stück meines Lebens zu erhalten, das Leben seiner 18jährigen Liebe. Wir kannten den Begriff Kunst vor fünfhundert Jahren nicht Eugène de Escargot, nicht so wie ihr es versteht, dass ist ein Produkt euerer Zeit, ihr habt die Kunst erfunden um Werte zu steigern und Werte steigern heißt bei euch nichts anderes als Geldwerte. Nur was viel kostet, dass hat auch Wert! Unsere Werte, die Werte der damaligen Künstler hieß Leben, nicht mehr und nicht weniger.“

 

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