Das neueste Werk ist in Arbeit und wird etwa 300 Druckseiten umfassen. Unten stehend eine kurze Ausarbeitung.

 

 

 

 

 

 

 

 

London, England. 25 August 1989.

 

Das Projektil mit Kaliber 9mm, Parabellum, der Beretta M951, verließ den Lauf der Pistole mit aufgesetzten Schalldämpfer exakt um 19Uhr25 und 10 Sekunden Londoner Ortszeit. In der Magazinfüllung, welche mit einer Kapazität von acht Patronen ausgestattet war, befanden sich noch restliche sieben Patronen. Für den irakischen Atomwissenschaftler Dr. Arif Salih genügte eine Patrone.

Der Zufall wollte es, dass aus den Lautsprechern eines Radios welches sich eingebaut in einem kleinen Schrank neben dem großzügig dimensionierten Bett seines Hotelzimmers im Hotel The Langham London befand, eine Musik erklang welche der Moderator zuvor mit dem Titel „While My Guitar Gently Weeps“, von George Harrison ankündigte, und mit dem letzten erklungenen „Weeps“, das Projektil in die Stirn, etwas oberhalb der Nasenwurzel von Dr. Arif Salih, eindrang. Azraa´eel interessierte es wenig bis gar nicht ob die Gitarre des Herrn Georg Harrison weinte oder was auch immer. Auch nicht ob Dr. Salih jemals in seinem Leben weinte beim Klang der Gitarren.

 

Dr. Salih hörte nicht mehr den leichten Aufprall seines Mobiltelefons welches ihm aus der Hand glitt und auf den Boden des mit teueren Teppichen ausgestatteten Hotelzimmers fiel. Niemand hörte dieses kurze „Plopp“ welches beim Austritt des Projektils aus der Mündung des Schalldämpfers entstand; es könnte auch dieses leise vorsichtige Entkorken einer Champagnerflasche gewesen sein, wenn es denn jemand gehört haben sollte. Wie auch immer, die Zimmertüren der Suite in welche Dr. Arif Salih sich einmietete, ließen so oder auch so kaum bis gar keine Geräusche nach außen dringen.

Seinen verwunderten Gesichtsausdruck, als er die Tür zu seiner Suite nach aufforderndem zweimaligen Anklopfen öffnete und die Gestalt einer jungen Frau erschien, die nicht unbedingt gemäß der Kleidung,  nach Servicepersonal aussah - er hatte auch um keine Dienstleistungen gebeten – ohne zu zögern den Arm hob und mit einer Pistole auf ihn zielte und schoss, diesen verwunderten Blick nahm er mit ins Jenseits. Dr. Arif Salih mit alias Name Ali Munajid mit welchem er sich in das Hotel The Langham London einmietete, war tot, schon bereits als sein Körper den Boden berührte.

 

                                               ***

 

Dr. Arif Salih liebte dieses renommierte luxuriöse Londoner Hotel in unmittelbarer Nähe der Regent Street, mit seinem ausgewählten Ambiente in dem sich auch Mitglieder der Königlichen Familie wohl fühlen; und auch ausländische reiche Geschäftsleute und ebenso internationale VIP Prominente. Hier mietete sich Dr. Arif Salih ein unter seinem Pseudonym Ali Munajid mit Angabe der Profession als ein irakischer Geschäftsmann. Doch wirklich war er einer der führenden irakischen Atomwissenschaftler im Kernforschungszentrum Tuwaitha Nuclear Research Center, zwanzig Kilometer südöstlich von Bagdad gelegen. Er war einer der Leitenden Wissenschaftler des ab 1976 erbauten Leichtwasserreaktors Tammuz-1 in Tuwaitha, und des einige Zeit später erbauten kleinerer zweiten Versuchsreaktor Tammuz-2.

Atomwissenschaftler Dr. Arif Salih war ein von der irakischen Führung verhätscheltes Kind, wie alle Wissenschaftler des Kernforschungszentrum Tuwaitha Nuclear Research Center, und wenn er seine Auslandsreisen zu machen hatte, das waren nicht wenige, da wurde er von der irakischen Geheimen Staatspolizei Amn al-Amm begleitet, im Kürzel nur AMAM genannt.

AMAM war einer der zahlreichen irakischen Geheimdienste des Zentralen Geheimdienstes Jihaz Al-Mukhabarat Al-A'ma.Dieser Zentrale Geheimdienst erfuhr im Laufe der Zeit diverse Umstrukturierungen durch Präsidenten Saddām Husain. Je nach seinem Bedarf, seinen Launen und dem Fehlverhalten der leitenden Direktoren, und so sprach man im Allgemeinen nur noch von der Al-Mukhabarat. Es gab eine Ausnahme die nicht der Al-Mukhabarat unterstand, und dies war die Al-Amn al-Khass, die Schutzeinheit des Präsidenten, und mehr als eine Leibgarde zu sehen. Al-Amn al-Khass war eine Eliteorganisation von Saddām Husain und sie wurde aufgestellt in Stärke einer Brigade. Sie stellte Bodyguards, Schutz- und Sicherheitspersonal zu den Palästen des Präsidenten, für den Familienrat, den Ministerrat, den Revolutionsrat, den Sicherheitsrat und für die Kommandozentrale der Baath-Partei. Diese Schutzbrigade besaß neben allen möglichen Annehmlichkeiten wie eigene Restaurants, Bars, Schwimmbäder auch einen kleinen aber Exquisiten Schieß-Club in dem die besten Schützen von den Offizieren der Al-Amn al-Khass, den absoluten Feinschliff erhielten. Und eben aus diesem feinen Club erlernte die junge Frau, die Dr. Arif Salih in London liquidierte, diesen Feinschliff.

 

                                               ***

 

Die junge Frau war keine direkte Angehörige der Schutzbrigade Al-Amn al-Khass des Präsidenten die von seinem zweiten Sohn Qusai geführt wurde, doch besaß sie das Vertrauen und die Gunst ihres Präsidenten, sowie alle Privilegien die er gewährte. Sie durchlief alle Stationen innerhalb des Al-Mukhabarat, wie Sabotage im Feindesland, Spionageabwehr und Gegenspionage, und zuletzt leitete sie den irakischen Auslandsgeheimdienst in Westeuropa. Sie wurde unter dem Decknamen: Bai’a, geführt. „Die, die den Gefolgseid leistet“!

 

Azraa´eel nannte sich in Westeuropa Lisa Rodmann, ihr wahrer Name jedoch war Fereshteh Celil. Eine irakische Kurdin aus Sulaimaniyah im Norden des Irak gelegen. Ihre Eltern stammten ursprünglich aus dem Kurdisch-Persischen, im Grenzgebiet zum Irak.

 

Wenn Dr. Arif Salih den Irak verließ, wiesen ihn seine Dokumente aus als Ali Munajid. Irakische Agenten begleiteten ihn oftmals bei seinen Auslandsaufenthalten, in diesem Fall während seines Aufenthaltes in London waren es jedoch vier Spezial Agenten der im Irak gefürchteten Geheimen Staatspolizei AMAM. Sie war der brutalste Haufen und sie waren die Folterknechte des Präsidenten. Einst liebte und verehrte Fereshteh Celil ihren Präsidenten, der im Jahre 1975 die Patenschaft der damals fünfzehnjährigen Fereshteh übernommen hatte, nachdem sie ihm als die Jahrgangsbeste Schülerin einer für Mädchen vorbehaltenen Eliteschule vorgestellt wurde. Früh erkannte er das Potential dieses jungen Mädchens. Er liebte ihr freundliches Wesen, ihre unbekümmerte Art und dennoch eine gewissen Ernsthaftigkeit beibehaltend. Sie wurde in den folgenden Jahren fast wie ein Familienmitglied behandelt.

Fereshteh erwiderte diese Zuneigung zu ihrem Präsidenten. Sie verehrte ihn und leistete den Gefolgseid auf ihn, so dass sie ihm bis in den Tod folgen würde. Dies änderte sich jedoch, als am 7. Juni 1981, im Kernforschungszentrum Tuwaitha Nuclear Research Center, der Reaktor Tammuz-I von der israelischen Luftwaffe schwer beschädigt wurde. Nach diesem zweiten Angriff auf die Atomforschungsanlagen - der erste Angriff erfolgte bereits ein Jahr zuvor durch die iranische Luftwaffe - wurde ihr bewusst, in welche Katastrophe der Präsident mit seinem Atomwaffenprogramm den von ihr so sehr geliebten Irak hinführt.

 

Sie brach nicht den Gefolgseid den sie geleistet hatte, doch sie beschloss, dass sie eines Tages ihrem Präsidenten wehtun würde, sehr weh. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten würde sie sein Atomwaffen-Programm torpedieren wo immer es ihr möglich schien.

 

Im Jahre 1989 war es soweit. Sie begann die Jagd auf irakische Atomwissenschaftler die sich in ihrem Terrain, Westeuropa, aufhielten. Zuerst liquidierte sie in Wien, einen irakischen Geschäftsmann, namens Munhir Al Sabeh, der für die Produktion von Atomwaffen die nötigen Teile zum Bau der Anlagen zu sorgen hatte und hierfür die Hilfe geeigneter weniger skrupelloser Firmen suchte. In München ereilte dem Atomwissenschaftler Dr. Barham Alil dasselbe Schicksal. Mit diesen Aktionen hatte sie dem Führer in Bagdad sehr wehgetan. Nun durfte der „Große Präsident“, Saddām Husain Abd Al-Madschīd at-Tikrītī, einen weiteren Verlust beklagen - Dr. Arif Salih!

 

Die AMAM konnte ihn nicht beschützen, denn Azraa´eel, so benannte  Fereshteh Celil ihre Aktionen, hatte ihn gefunden. Azraa´eel tötet nicht, sie kommt um Seelen den Weg nach Hause zu zeigen - dorthin woher die Seelen einst gekommen waren. Sie sah sich nicht als eine eiskalte Killerin, das hätte ihrem Wesen widersprochen, sie sah sich als eine Azraa´eel, eine Himmelsbotin, um bei dem einen oder anderen die Seelenwanderung früher einzuleiten - sozusagen ein bisschen nachhalf ohne im Auftrag Allahs und seinen wahren Himmelsboten gehandelt zu haben - mehr nicht!  

 

Ein halbes Jahr nur benötigte Fereshteh-Azraa´eel um Dr. Arif Salih als Ali Munajid zu identifizieren und ihm seiner Seele mit einem einzigen Schuss aus ihrer Pistole, zu berauben. Sie nahm die Seele von Dr. Arif Salih nicht für IHN - für Allah, dafür war sie nicht zuständig, auch nicht für den Al-Mukhabarat und nicht für den Rais von Irak, den Präsidenten Saddām Husain, denn es war bestimmt nicht im Sinne des Rais, seine besten Wissenschaftler zu liquidieren, die zudem wie im Fall von Dr. Arif Salih äußerst loyal zu ihm standen. Sie nahm die Seele des Atomwissenschaftler Dr. Arif Salih für sich und für ihren einstigen Ziehvater Asan Celil, Direktor des irakischen Auslandgeheimdiensts für Westeuropa; für ihre und die ihres Vaters Vision eines anderen Staates Irak.

 

Fereshteh Celil wurde in ihrer Abteilung unter dem Decknamen  Bai’a geführt. Sie leitete das Büro Wien und München des irakischen Auslandsnachrichtendiensts zum Aufspüren von Agenten feindlich gesinnter Westeuropäischer Länder die in Aktionen gegen den Irak zugange waren. Ein hoffnungsloses Unterfangen denn der irakische Auslandsgeheimdienst war Personell, mit einer einzigen Ausnahme namens Fereshteh Celil, und sowohl auch in seiner Struktur nie in der Lage Operativ in den europäischen  Ländern langfristig erfolgreich und unentdeckt zu agieren. Die es versuchten, lebten in der Regel nicht sehr lange.

Dennoch, diese Einrichtung hielt Bestand und besaß Sinn im Kalkül von Major Asan Celil, der seine Tochter Fereshteh mit der Führung dieser Außenstelle beauftragte. Es war leicht und problemlos für ihn dieses Büro bei seinen obersten Dienstherren im direkten Dunstkreis des Präsidenten des Irak zu installieren und mit nahezu unbegrenzten Finanziellen Mitteln auszustatten. Es gefiel dem Rais in Bagdad, dem Präsidenten Saddām Husain Abd Al-Madschīd at-Tikrītī, so sein vollständiger Name, wenn für jeden Furz und Feuerstein, so nach Meinung von Asan Celil, eine neue Schnüffelstelle ins Leben gerufen wurde. Im Irak gab es für alles Mögliche eine Sicherheitseinrichtung, selbst die Sicherheit wurde von der Staatssicherheit überprüft und die Staatssicherung wurde von den Sicherungskräften der Baath Partei überprüft und jene vom Ministerrat und jene wieder vom Revolutionsrat und diese wiederum mit einem eigenen Geheimdienst der dem Familienrat des Präsidenten unterstand. Selbst die Leibeigene Schutzbrigade des Präsidenten, die Al-Amn al-Khass, die über alles und allem stand, für die es keinen Bremshebel gab, gliederte sich auf in drei Schutzgruppen, die sich gegenseitig bespitzelte.

Die erste Gruppe, handverlesen von Saddām persönlich, war die absolute Elite, ausgestattet mit allen nur erdenklichen Privilegien. Sie waren 24 Stunden lang in unmittelbarer Nähe des Präsidenten, bewachten ihn bis in seine Privatgemächer. Die zweite Gruppe war militärisch ähnlich ausgestattet und ausgebildet wie die Erste. Sie war in erster Linie eine Art Bereitschaftsgruppe. Die dritte Gruppe der Schutzbrigade Al-Amn al-Khass, waren die Republikanischen Garden. Die Personenbezogen stärkste Gruppe bestand aus zwölf Bataillonen. Aus dieser Gruppe rekrutierten sich auch reguläre Kampfeinheiten. Elitesoldaten!   

Fereshteh Celil war eine der wenigen Frauen die den Sonderstatus einer Ausbildung innerhalb der Republikanischen Garden erhielt. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie in der Staatssicherheit Direktion Spionageabwehr und führte den Rang eines Oberleutnants.   

 

Agentin Fereshteh Celil mit dem Decknamen Bai’a jedoch lief aus dem Ruder, wie vorgesetzte Dienststellen in Bagdad lange Zeit später mit Entsetzen feststellen musste. Sie tötete keine Feinde und Gegner des Regimes von Präsidenten Saddām Husain, sondern Mitglieder seiner ihm treuen und loyal ergebenen Elite.

 

                                               ***

 

Fereshteh Celil sah nur kurz zu dem toten Dr. Arif Salih der auf einem Handgeknüpften Teppich aus dem Persischen Buchara lag. Nicht weit davon die leere Patronenhülse, die sie auch sogleich aufnahm und in ihre Tasche legte. Sie schaltete die kleine Lampe aus welche sich auf dem Schreibtisch befand und bewegte sich leise zum Fenster, legte den schweren Brokatvorhang etwas zur Seite und sah, wie sich eine schwere Mercedes Limousine dem  Hotel The Langham London näherte. Unruhig wartete sie bis die schwere Mercedes Limousine eine Parklücke gefunden hatte um danach mit leichtem Schrecken festzustellen, dass vier irakische Sicherheitskräfte der Geheimen Staatspolizei AMAM, die sie allesamt aus diversen Besprechungen in Bagdad kannte, das Fahrzeug verließen und sich zum Eingang des Hotels hin bewegten. Sie wusste sehr wohl, dass der von ihr getötete Atomwissenschaftler, nach den Vorfällen in Wien und München, von irakischen Sicherheitskräften bewacht und beschützt sein würde. Eine Stunde zuvor konnte sie undeutlich und nur Schemenhaft von der Straße aus erkennen, dass diese vier Bewacher von Dr. Salih im St. Patricks Pub saßen und völlig sorglos und munter plaudernd Guinness Bier tranken.

Sie waren bereits seit fünf Tage in London und nichts war passiert. Niemand schien sich für sie zu interessieren, kein britischer Abwehrdienst noch sonstige ausländische Agenten anderer Dienste die zum Teil ohne angemeldet zu sein, auf britischem Terrain wilderten. Es machte sie leichtsinnig und darauf wartete Fereshteh, die diese Gruppe bereits bei deren Ankunft in London beobachtete.

 

Langsamen Schrittes bewegte sie sich zur Tür, entnahm ihrer Tasche eine mittelbraune halblange Perücke und stülpte sie über ihr eigenes blondes kurz geschnittenes Haar. Auf einen Zettel auf dem Schreibtisch liegend schrieb sie in persischen Farsi die Worte: „Azraa´eel nahm Deine Seele“. Danach legte sie eine einfache Brille an, die nur zur leichten Veränderung des Aussehens diente. Die Gläser waren ohne Dioptrien geschliffen. Sie öffnete die Tür und bewegte sich in Richtung zum Personalausgang. Es war niemand auf dem langen Flur zu sehen. Kurz und heftig atmete sie durch. Als sie fast den Treppenabgang erreichte, begegnete ihr ein scheinbar innig vertraut wirkendes Paar mittleren Alters. Die noch jugendlich wirkende Frau lachte leicht über einen vermeintlichen Spaß den ihr Begleiter erzählte und dabei sahen beide freundlich zu Fereshteh Celil. Keine Gefahr, registrierte sie. Auf nahezu gleicher Höhe fragte die freundlich aussehende Frau, Fereshteh Celil nach der Uhrzeit. Während Fereshteh den Ärmel ihres leichten Sommermantels zurück schob um nach ihrer Armbanduhr zu sehen, sah sie aus den Augenwinkeln heraus wie die Frau eine kleines Parfümfläschchen mit Sprühknopf in der Hand hielt und dieses nun blitzschnell vor ihren Mund führte und ehe sie reagieren konnte, erreichte sie eine kleine Gaswolke die aus der Sprühknopf entwich. Sie dachte in Sekundenbruchteilen: Ich dumme unvorsichtige Kurdenziege, und dann dachte sie nichts mehr.

 

Fereshteh Celil war eine persische Kurdin aus der Stadt Sulaimaniyya im Norden des Irak gelegen, und lebte mit ihrem Ziehvater Major Asan Celil der sie einst adoptierte, in einem der besseren Stadtteile von Bagdad. Heute, in London im Hotel The Langham London, am Treppenabsatz des Personalzugangs schien sie so bewegungsunfähig zu sein, wie Katzenkinder die von ihrer Katzenmutter mit geschicktem Biss im Genick gehalten und getragen werden. Sie konnte noch gehen und stehen - nach Aufforderung ihrer beiden Begleiter die sie rechts und links leicht führten - und sie konnte noch sehen was um sie herum geschah, doch sie konnte nicht mehr im Zusammenhang denken. Das Gas aus dem Parfümfläschchen ließ sie in Zombie ähnlichen Zustand verweilen. Sie registrierte noch wie der Mann zurück lief in das Zimmer des toten Dr. Arif Salih, und wenige Sekunden danach wieder erschien um sie, gemeinsam mit seiner Begleiterin, zum Treppenhaus, dass dem Personal vorbehalten war, zu geleiten. 

Am unteren Ende des Treppenabsatzes kamen ihnen einer der vier Beschützer von Dr. Arif Salih entgegen, der um den dreien auszuweichen sich etwas an die Wand drückte. Im vorübergehen sagte er erstaunt zu Fereshteh: »Was machst du in London, bist du nicht in Wien?« Sein Erstaunen dauerte nur eine Sekunde und dann traf ihn das Projektil die der Begleiter der Frau durch den Lauf und den Schalldämpfer seiner Pistole jagte. Die beiden sahen sich nur kurz an und forderten das Unterbewusstsein von Fereshteh auf sich schneller zu bewegen. Sie erreichten den Personalausgang des Hotels, verfrachteten Fereshteh kurz und schmerzlos in eine Vauxhall Limousine und fuhren eilends davon. Fereshteh sah die Straßen von London, das Verkehrsgewühl, die auf sie zukommenden Polizeifahrzeuge die mit lautem Geheule der Sirenen in Richtung zum Hotel The Langham London rasten. Sie wusste nicht, dass die Polizei von dem Paar kurz nach erreichen des Parkplatz per Mobilphone über einen Leichenfund im Langham unterrichtet wurde. Sie sah die Vororte von London, dann die Felder, Wälder, Farmen, Weideflächen und sie sah ein kleines Haus in einem Dorf welches auf einem Schild am Dorfeingang als Staithes in North Yorkshire, bezeichnet wurde. Sie sah es und nichts wurde von ihrem Gehirn aufgenommen, registriert und gespeichert.

 

Irgendwann erlangte Fereshteh wieder ihr Bewusstsein und fand sich in diesem kleinen Haus wieder. Starke Kopfschmerzen drückten sie nieder in ein Kopfkissen als sie versuchte aus einem Bett in dem sie lag, aufzusteigen. Sie blieb noch einige Minuten liegen und sah sich den Raum an in dem sie sich befand. Allmählich formte sich in ihrem Kopf das Geschehene welches sie in vergangenen Stunden erlebte. Das Haus in dem sie sich befand stand auf einem kleinen Hügel gemeinsam mit weiteren fünf Häusern. Es besaß drei Zimmer, eine Küche und ein Badezimmer. Aus einem der Fenster sah sie das Meer, aus den anderen Fenstern ein Dorf an einem Fluss gelegen der in das Meer mündete. Sie war alleine in diesem Haus und nichts deutete darauf hin das weitere Personen hier wohnten und möglicherweise zurzeit unterwegs waren. Sie durchsuchte ihre Tasche und vermisste nichts, ihre Pistole, die Beretta M951, war noch da, auch der Schalldämpfer und die Schachtel mit Munition. Ihre sonstigen Utensilien waren ebenso noch vorhanden, und was für sie wichtig war, ihr bestens gefälschter österreichischer Pass der auf ihren Alias Lisa Rodmann ausgestellt war, lag noch in ihrer Tasche. Auch die Geldscheine in ihrem Geldbeutel waren nicht angetastet. Langsam erholte sich Fereshteh wieder und neuer Mut ergriff von ihr Besitz. Erstmals öffnete sie die Haustür, zunächst nur einen Spalt, um sie, als sie die warme Luft einatmete die nach Meersalz schmeckte, vollends zu öffnen. An der Frontseite des Hauses, gleich neben der Eingangstür, befand sich eine kleine Bank und Fereshteh deren Glieder noch schmerzten und leicht gelähmt schienen, nahm von dieser Bank besitz. Kurz darauf gingen zwei Frauen an ihrem Haus vorbei, grüßten freundlich, und begaben sich zu dem nebenan ihres Hauses gelegenen Anwesen. Weiter Personen kamen über einen schmalen Weg und begaben sich zu den angrenzenden Häusern. Diese Personen, dachte Fereshteh, und die beiden Frauen die mich vorhin so freundlich begrüßten, sahen aus wie Touristen. Seltsam dies alles, dachte sie, und sie beschloss in das Dorf unterhalb am Hafen gelegen einen Besuch abzustatten. Sie musste in Erfahrung bringen, was geschehen war und vor allem, wo sie sich befand.

Während des Gehens auf diesem schmalen Weg hinunter ins Dorf rekapitulierte sie das Geschehen als sie das Zimmer des Hotel The Langham London mit dem toten Atomwissenschaftler Dr. Arif Salih, von ihr erschossen, verlassen hatte. Das Paar sah sie nun deutlich vor sich, die freundlich lächelnde Frau die verliebt den Mann angesehen hatte, wie sie ein kleines Parfümfläschchen, welches sich in ihrer Hand befand, anhob und ihr ein Gas vor den Mund sprühte der sie sofort paralysierte. Sie sah den irakischen Kollegen von der Geheimpolizei AMAM, den sie nur flüchtig kannte und der von dem Begleiter  der freundlich lächelnden Frau umgehend erschossen wurde als er ihnen in der Treppenanlage begegnete welche für das Personal des Hotels vorbehalten war und den sie selbst als Fluchtweg auserwählt hatte. Sie sah die Fahrt in dieser englischen Limousine, die Straßen und Vororte von London, Felder, Wälder und durchfahrende Dörfer. Dann musste sie eingeschlafen sein, überlegte sie, denn an alles Weitere konnte sie sich nicht mehr erinnern.

 

Fereshteh kannte dieses Gas, den Sinn ihrer Anwendung, die zu vorübergehenden vollständigen Amnesie herbeiführt, und Menschen in totalen Gedächtnisverlust führt. Dies galt aber nicht für sie denn sie war durch ein mörderisches Training in den Camps des Al-Mukhabarat und den Republikanischen Garden im Irak gegangen, welches sie selbst um einige Schwierigkeitsgrade erhöht hatte. Sie stählte vor allem anderen ihre mentalen Kräfte durch wochenlanges Marschieren durch die Einöden der Syrischen Wüste. Ungezählte Absprünge mit dem Fallschirm aus großen Höhen. Ihr letzter Sprung, vor drei Jahren im äußersten Norden von Irak, hart an der Grenze zu der Türkei, ein Nachtsprung aus fünftausend Höhenmetern. Über sich ein sternenklarer Himmel und unter sich die bizarren Berge, tief stürzende Schwindelerregende Abgründe.

Sie erinnerte sich beim Begehen des schmalen Weges hinunter zu dem englischen Dorf, das sie während des Sprungs geschrieen hatte aus Glückseligerbesoffenheit. Wie sie an der Kante des Ausstiegs des Flugzeugs gestanden hatte, die Luke offen, die tosende Dunkelheit erwartend, das Rückwärtsfallen aus dem Flugzeug mit eingezogenem Kopf und mit ausgebreiteten Armen. Wie das Heck des Fliegers an ihrem Gesicht vorbei raste und dann in Sekunden verschwunden schien. Der freie Flug und dann der Entfaltungsstoß des Fallschirms. Um sie herum schienen die dunklen Umrisse von Felsen und Graten aus dem Boden zu wachsen. Dann die Landung auf weichem Moos, neben einen kleinen See. Danach zweihundert Kilometer Fußmarsch, immer Dörfer und Ansiedlungen meidend. Nur über Fels und Stein, Steppen und Einöden. Ein Marsch beginnend der Nähe des türkischen Grenzort Cukurca, über Mus Laka in Richtung Mosul, und dann tief in die Wüste hinein bis an den Lake Tharthar. Von dort sandte sie ein Funkspruch an ihre Abteilung die sie mit dem Helikopter abzuholen hatte. Niemand zwang sie zu diesem Unternehmen.   

 

Komisch, dachte sie, ich bin hier in dem seltsamen England mit diesen noch seltsameren Engländern, habe Hunger, kalt ist mir auch und Pipi muss ich und auf ein englisches Frühstück habe ich keine Lust, und der beschissene Weg hinunter zum Dorf geht mir auch schon auf die Erbsen. Ich muss sehen, wie ich hier schnellsten wieder weg komme, nach Wien in meine Wohnung. Ich brauch jetzt Ruhe zum Nachdenken. Wie komme ich hier wieder unbemerkt raus? Ich verstehe das ganze noch nicht. Wieso haben mich die beiden im Hotel mit Gas handlungsunfähig gemacht? Wieso haben sie mich im Treppenhaus nicht abgeknallt wie Ibrahim von der Geheimpolizei AMAM? Um den ist es nicht schade, dachte sie. Eine Drecksbande und elende Folterknechte, die unser Volk tyrannisiert. Was soll ich hier in diesem Kaff, was wollen die von mir? Vor allen, wer sind sie, wer steht dahinter? Welchen Fehler habe ich gemacht?

 

Als sie die Hauptstraße des Ortes erreichte sah sie einen kleinen Laden mit einem Schild versehen auf dem stand: Staithes Post Office and General Store. Sie kaufte sich zwei Ansichtskarten, etwas Obst, eine kleine Flasche Mineralwasser, eine Schachtel Crackers und eine Landkarte mit inliegenden Routenplanern, Schreibpapier und einen Kugelschreiber. Staithes, North Yorkshire! Wenigstens weiß ich wohin ich verfrachtet wurde, dachte sie. Von oben gesehen zeigt eine der Ansichtskarten einen noch nicht einmal unpassablen Ort. Sogar einen Hafen haben sie hier, und etwas seitlich des Ortes sind sogar die fünf Häuser, Ferienhäuser wie sie inzwischen wusste, vorhanden. Sie kaufte sich noch einen Rucksack, einen Windbreaker mit abnehmbarem Kapuzenteil und wetterfeste halbhohe Schnürstiefel. Jeans und einen Pullover. Was man so brauchte als Touristin und ähnlich wie sie es bei ihren Nachbarinnen gesehen hatte, nur etwas feiner in Art und Material. Die Irakerin persisch kurdischer Abstammung namens Fereshteh Celil mit dem österreichisch Pass auf den Namen Lisa Rodmann ausgestellt, wohnhaft in Wien, Österreich, mochte es schon immer eine Spur feiner und qualitativ besser. Sie erlebte Wien erstmals als dreizehnjähriges Mädchen, in Begleitung ihres Adoptivvaters Asan Celil, Offizier eines irakischen Nachrichtendiensts der sich Jahre zuvor bereits in die Stadt Wien verliebt hatte. Sie hat Wien ebenfalls gesehen und sich wie ihr Adoptivvater unsterblich in diese Stadt verliebt. Erlebte die Oper, diverse Theater, Konzerte, Musik, Restaurants, Cafe-Häuser und Tanzlokale einschließlich auch alle mögliche Discotheken. So sollte ihr geliebter Irak auch sein. Darauf hin zu arbeiten müsste das höchste Ziel sein aller Freiheit liebender Iraker. Nieder mit diesem Regime in Bagdad, nieder mit der Baath Partei, nieder mit den Folterknechten des Präsidenten ohne Landesverrat und Hochverrat zu begehen?

Im Alter von achtundzwanzig Jahren wurde ihr vom irakischen Nachrichtendienst ein Büro in Wien eingerichtet und ein schönes Appartement unweit des Stephandoms in einem dieser alten wohlbehaltenen Häuser rings um diesen Dom.

 

                                               ***

 

Fereshteh befand sich während des kurzen Aufenthalts in Staithes, England, im dreißigsten Lebensjahr. Sie war mittelgroß und von schlanker Gestalt. Wie häufiger vorkommend in Kurdistan, hatte sie blonde Haare, blaue Augen und nur der leichte nussbraune Teint ihrer Haut unterschied sie etwas vom üblichen Typus Westeuropäischer Frauen. Doch dies spielte schon lange keine Rolle mehr in Europa. Sie konnte in jedem Teil Europas geboren sein. Nur in Bagdad wurde sie oft von den an jeder Straßenkreuzung befindlichen Geheimpolizei  AMAM in ihren schweren schwarz lackierten Limousinen als vermeintliche ausländische Touristin angehalten und nach ihrem Ausweis befragt. Es war zwar immer nur eine kurze Befragung, nur so lange dauernd bis sie ihre Marke vorzeigte, die sie als eine Angehörige des Geheimdiensts aller irakischen Geheimdienste des Al-Mukhabarat auswies und den Fragestellern ob ihrer Unverschämtheit eine vom Geheimdienst aller Geheimdienste befragt zu haben, schlaflose Nächte bereitete. Bei solchen Begebenheiten ärgerte sie sich über ihr eigenes europäisches Aussehen. Aber nur dann! Ansonsten war Fereshteh zufrieden mit sich. Sie war mehr als hübsch anzusehen und leicht konnte sie Männer irritieren und für sich in Anspruch nehmen, doch für Männer interessierte sie sich nicht derart wie es sich Männer wünschen mögen. Für sie gab es nur Asan Celil, den Mann der sie einst als seine Tochter adoptierte.     

 

In dem kleinen General Store, nahe der Eingangstür entdeckte sie einige Ausgaben von Tageszeitungen. Ein Boulevardblatt viel ihr sofort auf, nicht wegen der grell bunten Aufmachung sondern der Schlagzeilen wegen.

 

„Tötete der Mossad  irakischen Geschäftsmann in London?“

Es wird vermutet, dass der israelische Mossad abends am 25.August 1989 den irakischen Geschäftsmann Ali Munajid, wie von gut informierten Kreisen berichtet, getötet wurde. Einer seiner Leibwächter lag erschossen im Treppenhaus des Hotels The Langham London“. Drei weitere Leibwächter wurden von britischen Sicherheitsbeamte in der Lobby festgenommen. Wir berichten weiter.

 

Wunderbar, dachte Fereshteh Celil alias Lisa Rodmann. Läuft ja wie geschmiert, wenigsten nach außen hin. Die beiden, die mich hierher verfrachtet haben und deren vermutlichen Auftraggeber, haben eine ganz andere Sichtweise, eine die mir ganz und gar nicht gefällt. Sie kennen meinen Namen Lisa Rodmann, meinen Aufenthaltsort Wien. Gut, den kann ich ändern. Meinen echten Namen kennen sie nicht. Auch nicht das ich eine Irakerin bin vom Geheimdienst Al-Mukhabarat, nur, ich doofe Kuh habe einen Zettel hinterlassen: „Azraa´eel nahm deine Seele“. Und noch eine Schippe Doofheit obenauf, habe ich es in persischem Farsi geschrieben. Gut, den gleichen Zettel habe ich auch in Wien bei Munhir Al Sabeh hinterlassen, und in München, als ich die Seele des Atomwissenschaftler Dr. Barham Alil nahm. Egal wie, es soll nach Bagdad durchdringen, es soll sie nervös machen, zum Nachdenken verleiten über ihr menschenverachtendes Atomwaffenprogramm. Die Europäer werden eine Zeit daran herum kauen. Sie werden sich fragen, was hat eine Österreicherin namens Lisa Rodmann aus Wien mit Begriffen wie Azraa´eel, zu tun? Nichts! Wenn ich wieder in München bin, in meinem zweiten Büro ändere ich meine Identität und eine Lisa Rodmann wird niemals in Wien einreisen. Sie werden Azraa´eel als Engel des Todes übersetzen, damit kommen sie nicht sehr weit denn im Qur'aan ist dies nur undeutlichen definiert. Die Briten werden es sich bequem machen und den arabischen Begriff Azraa´eel umleiten auf  den aus jüdischen Quellen stammenden, mit Namen: Israa’eeliyyaat. Mein geschriebenes persisches Farsi werden sie als Ablenkungsmanöver sehen und wenig beachten. Die Briten, haben es nicht so arg mit den Israelis und alles dem Mossad in die Schuhe schieben.

Dennoch, dachte sie, in dem Zeitungsartikel wird nichts von einem gefundenen Zettel mit dem Hinweis: „Azraa´eel nahm deine Seele“, erwähnt. Ich frage mich, wo habe ich einen Fehler begangen, oder waren es mehrere. Fehler in München oder sogar schon zuvor in Wien? Ich weiß es nicht, noch nicht. Seltsam nur, in keinen dieser drei Fälle wurde etwas von meinen hinterlassenen Zetteln berichtet, dachte sie. Ich muss hier schnellsten verschwinden, einen Fluchtplan, oder besser, eine Fluchtroute ausfindig machen, wenn möglich zwei Routen und eine davon soll in die falsche Richtung führen..

 

»Wie heißen Sie, junge Frau?«, fragte die etwas mollig aussehende Frau hinter der Verkaufstheke.

»Lisa Rodmann!«

»Aus Holland?«

»Nein aus Wien, Österreich«, antwortete Fereshteh brav. Sie bezahlte freundlich lächelnd ihre ausgesuchte Ware, bedankte sich recht artig und wusste nicht, dass sie mit Hilfe ihres Wesens, ihrer Art, das Herz der Molligen hinter der Theke im Sturm erobert hatte, und die Fereshteh schon seit Betreten ihres Stores aufmerksam beobachtet hatte. Sie gefiel ihr dem Anschein nach gut.

»Wie ist ihr Name, Madam?«

»Joan Righby, junge Frau.«

»Nennen Sie mich Lisa, Joan. Eine Frage Joan, wurde für mich in einem Postfach eine Nachricht hinterlegt?« Es wurde.

Joan Righby überreichte Fereshteh einen Umschlag, den sie zugleich öffnete und las. Es störte sie nicht, dass der Hals von Joan Righby immer länger wurde so das sie den Namen auf dem Briefkopf lesen konnte. Georg Allister stand geschrieben. Weiter: Mietvertrag über zwei Wochen zwischen Lisa Rodmann und Georg Allister vereinbart. Danach das übliche Geschreibsel was in Mietverträgen für den Aufenthalt in Ferienhäusern so steht. Was Fereshteh am meisten verwunderte war die Unterschrift in diesem Mietvertrag. Selbstverständlich hatte sie niemals ein Ferienhaus weder hier noch sonst wo gebucht. Es war ihre Unterschrift und wiederum doch nicht. Sie konnte sich auch nicht erinnern in ihrem Zustand, im Gas-Delirium, etwas unterschrieben zu haben. Dennoch behielt sie die Fassung und lächelte freundlich nach Joan Righby, der etwas leicht übergewichtigen hübschen Frau von etwa vierzig Jahren. Joan war nicht unsympathisch, stets gerötete Wangen im runden noch jugendlich wirkenden Gesicht machten sie noch attraktiv. Bisschen Neugierig war sie in den Augen der Mitbürger von Staithes und auch in deren von Fereshteh, doch diese sah es ihr nach.

 

»Georg Allister gehört wohl das Haus in dem du wohnst? Lisa. Haus Nummer 15.«

»Ja, Joan, dort wohne ich in den nächsten Tagen.«

»Aus unserer Gegend ist Georg Allister jedenfalls nicht, Lisa. Ich kenne ihn nicht!« Fereshteh hätte am liebsten geantwortet, ich kenne ihn auch nicht liebe Joan. Stattdessen musste sie eine Art Legende erfinden. Nichts besonderes, nur das Allister, den sie nicht kannte, in London wohnt und ein Freund ihres Chefs in Wien sei, und da sie, als Lisa, eine Vorliebe habe für die englische Küste im Norden, namentlich der von North Yorkshire, sei sie eben hier um Land und Leute kennen zu lernen und ausgedehnte Wanderungen zu unternehmen. Joan war glücklich so ins Vertrauen gezogen zu werden und Fereshteh tat nichts ihr dieses gewährte Vertrauen zu entziehen. Sie brauchte Hilfe um schnell hier wieder verschwinden zu können und diese Hilfe sollte nicht merken, dass sie unsichtbar werden will. Nur Unsichtbare leben länger in diesem Gewerbe.

 

»Wird das dein Abendessen Lisa? Ich meine Obst, Crackers und Wasser.« Fereshteh lachte und bejahte es.

»Komm zu mir Lisa, ich mache uns heute Abend etwas Richtiges zum Abendessen. Ich wohne in der Nähe des Hafens, ich schreibe es dir auf einen Zettel.«

»Gerne Joan, ich gehe nur noch nach Hause mich etwas frisch machen. Um wie viel Uhr denn?«

»Um sieben, heut Abend. Passt es?«

»Ja Joan. Ich freue mich schon.«

 

Fereshteh nahm den Weg zurück zu ihrem von einem gewissen Georg Allister an sie vermietetes Ferienhaus. Es war noch früh am Tag und sie beschloss eine kurze Dusche zu nehmen, die neuen Sachen anzuziehen um wie einer dieser Touristen hier wandernd die Gegend zu erkunden. Im Ferienhaus das ihrer Meinung nach mit Abhöreinrichtungen ordentlich verwanzt war, gab es nicht viel zum Aufräumen. Noch keine fünfzehn Minuten nach dem Duschbad verließ sie dieses Haus, als hätte hier niemand gewohnt. Sie leerte ihre Handtasche, behielt nur das allernotwendigste und den Rest wie auch das Mobilphone steckte sie in eine Leinentasche die sie auch bei Joan Righby gekauft hatte. Ihre Pistole Beretta M951 verstaute sie sorgfältig in ihrem Windbreaker. Ihre abgelegte Kleidung steckte sie ebenfalls in diese Leinentasche und beschloss alles bei nächster Gelegenheit ins Meer zu werfen. In Jeans, halbhohen Lederboots, Pullover, Windbreaker und Rucksack, verließ sie das Ferienhaus Nummer 15. Verschloss sorgfältig die Tür, steckte den Schlüssel ein um ihn Unterwegs in irgendein Gebüsch zu werfen.

Lisa Rodmann wird Staithes verlassen, murmelte Fereshteh vor sich hin. Zuerst die Gegend erkunden, dann Abendessen mit Joan Righby, die Nacht irgendwo draußen verbringen und dann beim ersten Morgenlicht mit einem Küstenfischer die Küste entlang schippern. Warten wir es ab, sagte sie jetzt lauter werdend zu sich. Azraa éel ist noch nicht fertig. Es gibt noch einige auf der Liste die dem Verbrecher Saddām Husain in Bagdad sehr fehlen werden, und vor allem, Dr. Jafar Dhia Jafar, dem Vater und Leiter des irakischen Atom-Programms. Nichts wünsche ich mir sehnlicher als Dr. Jafar Dhia Jafar einen letzten Zettel zu hinterlassen, dachte sie. Ist nicht schon genug passiert seit dieser inzwischen verrückt gewordenen Präsident Saddām Husain an der Macht ist? Es ist mein Land und sie haben es schon genug zerstört.

Fereshteh Celil ging an dem Ferienhaus der beiden Frauen vorbei, die am morgen sie so freundlich begrüßten, und die jetzt gemeinsam hinter einem Fenster mit zurück geschobenen Vorhängen standen und ihr nicht minder freundlich wie zuvor am Vormittag zuwinkten. Fereshteh zeigte ihr freundlichstes lächeln, das ihr nicht sehr schwer fiel denn sie war in ihrem innersten ein freundlicher und umgänglicher Mensch, und winkte ebenfalls nach ihnen. Sie konnte natürlich nicht hören was die beiden danach in einem Gespräch über sie sagten. Wie sympathisch sie ihnen erschien, so lebenslustig, so hübsch anzusehen mit dieser schönen Nase und diesen lustigen freundlich dreinblickenden blauen Augen. Später, oder heute Abend, wenn die junge Frau nach Hause käme, würden sie sie zu einer gemeinsamen Wanderung einladen, für den nächsten Tag.

Was die beiden Touristinnen zu diesem Zeitpunkt ihres gemeinsamen Gesprächs über die junge hübsche Miss, deren Name ihnen unbekannt war, nicht wissen konnte, war, dass sie nicht mehr zurückkommen würde. Ihre Flucht, die sie selbst nicht so formulieren würde war schon längst im Detail geplant. Sie würde nach dem gemeinsamen Abendessen bei Joan Righby den Ort Staithes verlassen, bei Nacht die Straße entlang der Küstenlinie zu der südlich gelegenen Hafenstadt Scarborough marschieren, ein Weg von etwa 50 Kilometern. Für geübte Geher eine Zeitstrecke von acht bis neun Stunden, für Lisa Rodmann alias Fereshteh Celil in sieben Stunden zu bewältigen.

 

Sie erinnerte sich zurück an die Zeit vor fünf Jahren, als sie in einem Fünferteam mit weiteren vier männlichen Kollegen vom Al-Mukhabarat, Sonderabteilung Feindbekämpfung im Ausland, eine Spezialausbildung bekam zur Sabotagetätigkeit im Feindesland Iran. Der Krieg mit Iran war noch zugange und  zur Abschlussprüfung wurden sie mit einem Helikopter an die Grenze von Irak zu Iran geflogen. Große Teile im Grenzbereich zum Iran, auf iranischem Gebiet waren noch vom Irak besetzt, von Quasr-e Shirin im Norden des Iran bis nach Khorramshahr im Süden des Iran. In die iranische Provinz Ilam hatten sie einzudringen. Ziel der iranischen Regierung war die Errichtung eines Staudamms in Seymareh mit dessen Planung die Iraner im Jahre 1970 begonnen hatten. Das Fünferteam hatte zu erkunden wie weit dieses Projekt bereits fortgeschritten war und welche Sabotageakte jetzt schon durchgeführt werden konnte. Es wurde zum Desaster für die Gruppe. Es schien ihr eher, dass ihre eigenen Leute in der Abteilungszentrale sie umbringen wollten als es die Iraner wollten. Es wurde vereinbart, dass sie nach der Erkundung an einem fest vereinbarten Koordinatenpunkt, dreißig Kilometer vor der irakischen Grenze, noch im Feindesgebiet, von einem Helikopter der Armee aufgenommen würden. Dieser Helikopter kam nie an. In Seymareh, ihr Ziel am künftigen Staudamm, wurden sie von einer kleineren Gruppe von zehn Soldaten der iranischen Armee in Empfang genommen, die zur Sicherung der Anlage bereitgestellt wurde. Sie stolperten fast in diese feindliche Gruppe hinein und diese eröffneten auch sofort das Feuer aus den Maschinenpistolen. Ihr Gruppenführer Leutnant Amir Wahab, und Funker Bechir Al Kaddah waren sofort tot. Houssam Allruzi gelang es noch das Funkgerät an sich zu nehmen und danach begann eine Flucht der dreien wie Füchse vor eine Hundemeute. Sie rannten wie von allen Teufeln gehetzt bis sie in einer Talsohle einen kleinen Bergüberhang fanden um sich kurz zu erholen und zu sammeln. Sie ordneten ihre Sachen, Fereshteh Celil übernahm das Funkgerät, hängte es sich über die Schulter, prüfte das Magazin ihrer Pistole, am Gürtelholster hängend, und legte sich ihr Gewehr Kalaschnikoff vorne quer an den Bauch.  Houssam Allruzi überprüfte die Wasservorräte. Die ohnehin geringen Nahrungsvorräte waren nahezu aufgebraucht doch sie benötigten für den kommenden Eilmarsch zum nun zwanzig Kilometer entfernten Koordinatenpunkt, der vereinbarten Stelle an der sie der Hubschrauber abholen sollte, nicht viel. Wichtiger waren die Wasservorräte und vor allem Munition. Davon führten sie genügend mit. Ibrahim Bewari buddelte ein Loch in die Erde um alles ihrer Meinung nach Überflüssige zu vergraben, einschließlich ihrer Rucksäcke. Dann begannen sie ihren Eilmarsch durch diesen hügeligen und Teils gebirgigen Landstrich des Iran. Sie marschierten noch keine halbe Stunde, als sie in einer Entfernung von etwa fünfhundert Metern eine Gruppe von sechs Soldaten der iranischen Armee entdeckten, die ihnen schon seit Seymareh auf den Fersen waren. Sie erhöhten noch einmal ihre Marschgeschwindigkeit und fielen in einen leichten Eilschritt, den sie kontinuierlich einhielten, ob es hügelig wurde oder talabwärts. Fereshteh und Houssam Allruzi nahmen mühelos alle Hindernisse doch die Kräfte von Ibrahim Bewari schwanden zunehmend und konnte die Marschgeschwindigkeit nicht mehr beibehalten. Für Ibrahim Bewari wurde dieses mörderische Tempo zuviel. Er bekam einen Krampf in die beiden Oberschenkel und er konnte nichts anderes mehr tun als einfach stehen zu bleiben. Er flehte die beiden an weiter zu gehen, er würde hier bleiben und die iranischen Verfolger so lange beschäftigen bis seine Magazine leer seien. Sie verabschiedeten sich voneinander. Ibrahim Bewari nahm seine Stellung ein mit der er das vor ihm liegende Terrain gut überblicken konnte ohne selbst eingesehen werden zu können und wartete auf die Ankunft der Verfolger.

Fereshteh und Houssam Allruzi willigten nur schwer ein und verabschiedeten sich mit einem Wiedersehen in der Hölle. Ibrahim Bewari konnte die iranischen Verfolger noch zehn Minuten beschäftigen und mit der letzten Patrone schoss er sich in den Mund.   Bei Fereshteh und Houssam Allruzi gaben inzwischen jegliche Hirntätigkeiten ihre Funktionen auf und nur die Beine taten noch dass was ihre Aufgabe war – Gehen!

Fereshteh Celil - die sich später den eigenen Decknamen Azraa´eel zulegte und in Westeuropa, in Wien sich als Lisa Rodmann ausgab - und ihr noch verbliebener Kamerad Houssam Allruzi, erreichten den vereinbarten Koordinatenpunkt und warteten in einer kleinen Höhle die ausreichenden Schutz bot, auf den Hubschrauber. Doch auf den warteten sie vergebens. Fereshteh konnte sich schon des Öfteren ein Bild über den Zustand der irakischen Einheiten in Bagdad machen und der war nicht sonderlich überzeugend, dass die Organisation dieses Unternehmens zum Desaster wurde, überzeugte sie nun endgültig. Der große Führer in Bagdad, der selbsternannte Rais, der sich für den wiedergeborenen Nebukadnezar hält, samt seinen ihn umgebender Paladinen waren in ihren Augen unfähige Dummköpfe die ihr Land, ihr ruhmreiches schönes altes Land Irak in den Untergang führten. Wenn sie dieses Unternehmen überleben würde, dann würde sie mit Hilfe ihres Ziehvaters Asan Celil alles versuchen um diesen Regime weh zu tun, sehr weh!

Am anderen morgen sah Fereshteh, dass Houssam Allruzi tot war, gestorben an den schier unmenschlichen Anstrengungen. Wie versteinert sah sie ihn an und eine plötzliche Wut kam in ihr auf. Die so freundliche Fereshteh, die alle mochten, außer ihre Vorgesetzten, diese hassten sie, denn sie wurde nur auf Druck ihres Vaters und dem Wohlwollen von Saddām Husain in diese von ihr gewünschte Ausbildung genommen, diese sonst freundliche Fereshteh mit den kurzen blonden Haaren mit diesem etwas Nussfarbigen Teint ihrer Haut und diesen lustig dreinblickenden blauen Augen, selten im Norden des Iraks zu finden doch durchaus vorhanden, zeigte einen schier unbändigen Zorn, auch auf ihren Kameraden Houssam Allruzi, der nun tot vor ihr lag und dessen Kreislauf diesen Strapazen nicht gewachsen war, und der sie nun allein gelassen hatte. Der Zorn hielt nicht lange an und kühle Überlegungen ergriffen Besitz. Sie nahm die vorhandene Munition von Houssam Allruzi an sich und begrub ihn außerhalb der Höhle unter einem Steinhaufen. Dieser Steinhaufen war nicht so leicht als Grabstätte zu erkennen, denn in diesem kleineren Seitental musste vor Jahren bereits ein größerer Steinschlag von dem steil aufragenden Berg herunter gestürzt sein.

Fereshteh war nun auf sich alleine gestellt. Auf eine Ankunft eines Helikopters konnte sie nunmehr nicht hoffen. Wo die etwaigen Verfolger sich befanden wusste sie nicht. Was sie wusste war, dass die Strecke von ihrem Koordinatenpunkt bis zur irakischen Grenzstadt Mandali in der Provinz Diyala, 120 km nordöstlich von Bagdad etwa fünfzig Kilometer betrug. Allerdings – fünfzig Kilometer Luftlinie.

Herzlichen Glückwunsch liebste Fereshteh, sagte sie sich, du hast den Hauptgewinn gezogen. Wie im Spiel Monopoly. Ich gehe nicht durch die Schlossallee, auch nicht dorthin wo die besseren Häuser stehen, nein, ich gehe mittenmang durch die Bahnhofstraße der verlausten Stadt Basra schnurstracks zum Bahnhof und hole mir meinen Hauptgewinn ab – ein ägyptisches Scheißhaus! Das Funkgerät - irgend so ein Mistgerät aus Hinterindien - funktionierte auch nicht mehr. Was mache ich jetzt? Gehe ich zum Fluss Tigris, oder nach Norden oder nach Süden oder kehre ich um, laufe mitten durch die Verfolger durch bis zur Stadt Ilam, ziehe mir einen schwarzen Kohlensack mit Kopftuch über, werde Iranerin, suche mir einen dieser iranischen Religionswächter-Nasenbohrer, lasse mir zehn Kinder verpassen und verkaufe auf dem Markt Melonen und Schwamm drüber. Ich weiß nicht was ich machen soll. Die Idee den Verfolgern entgegenzugehen gefällt mir, die rechnen nicht mit mir. Die werden dieses Gelände nicht im Gänsemarsch durchsuchen sondern eine größere auseinander gezogene Kette gebildet haben. Ich marschiere einfach zwischen ihnen hindurch, gehe nach Norden und irgendwo schlage ich die Richtung nach Westen ein, bis zur Grenze.

Fereshteh tat weder das eine noch das andere. Sie blieb einfach in ihrer kleinen Höhle liegen und wartete. Sie wartete und schlief und wartete, aß getrocknete Datteln, trank ein wenig Wasser, immer nur in kleinen Schlucken, gönnte sich den Luxus die Kampfstiefel ausziehen zu können und die Füße zu massieren, und ansonsten fühlte sie sich nach dem zweiten Tag in der Höhle wie ein kleines Dreckferkel. Ab und an rieselte etwas loser Sand von der Höhlendecke, was ihr Wohlbefinden nicht steigerte. Am dritten Tag machte sie sich endlich auf den Weg zur Grenze des Irak. Die Verfolger hatten die Suche nach ihr aufgegeben, so hatte es jedenfalls den Eindruck und von Beginn ihres Einsatzes bis zum Zeitpunkt als sie Bagdad erreichte, war sie eine Woche unterwegs. In Mandali meldete sie sich bei den zuständigen Sicherheitsbehörden und wurde noch am selben Tag mit dem Hubschrauber nach Bagdad geflogen. Im Hauptquartier des Jihaz Al-Mukhabarat Al-A'ma, machte sie Meldung und lobte den Präsidenten, die Partei, den Irak und die ganze Organisation, etwas anderes wollte man im Dunstkreis des Rais, des Präsidenten auch nicht hören. Man bedauerte den Verlust von vier tapferen Kameraden und schiss in Wirklichkeit drauf. Löste die Abteilung „Sabotage im Feindesland“ auf, und bildeten fortan auch keine weiteren Mitarbeiter aus. Die Führung in Bagdad versteifte sich vermehrt auf die Überwachung der eigenen Bevölkerung und Fereshteh Celil hatte die Nase gestrichen voll von diesem Regime.  

 

                                               ***

 

Lisa Rodmann alias Fereshteh Celil stand am Ortsausgang von Staithes, an der Straße die nach Scarborough führt. Dreißig Meilen von Staithes nach Scarborough. Landstraße! Fereshteh musste lächeln. Dreißig Meilen, Nasenwasser für mich, dachte sie, von dieser Stelle aus würde sie sich nach dem Abendessen bei Joan Righby Unsichtbar machen. Den Hafen hatte sie schon ausgiebig inspiziert, an einer nicht einsehbaren Stelle das überflüssig gewordene Kleiderbündel, beschwert mit Steinen, in das Wasser geworfen. Sie freute sich schon auf das Essen und auf Joan Righby. Das kleine Haus lag etwas nach hinten versetzt in dieser unscheinbaren Straße unweit der Hauptstraße von Staithes. Zusammen mit dem gepflegten Vorgarten machte es einen gemütlichen Eindruck. Fereshteh betätigte die altertümliche Türglocke und kurz darauf öffnete ihr Joan Righby die Tür.

 

»Hallo Joan, da bin ich«, sagte freundlich lächelnd Fereshteh.

»Hi Lisa, schön das du da bist. Komm rein, die Hasenkeulen sind fast fertig.«

»Gemütlich hast du es hier, gefällt mir sehr gut, Joan.«

»Hast du die Gegend schon ein bisschen erkundet?«

»Eigentlich nur den Hafen, die Boote, mit einigen Fischern palavert. Das gefällt mir. Die Gegend schaue ich mir in den nächsten Tag genauer an. Ich bin ja noch zwei Wochen hier. Häfen faszinieren mich.«

»Ein harter Menschenschlag diese Fischer, es gibt aber nicht mehr so viele hier in Staithes, Lisa.«

»Ich habe sie gefragt ob sie mich einmal mitnehmen würden.«

»Tun sie es?«

»Ja, übermorgen wollen sie die Nordsee ein wenig durchkreuzen. Ich darf dann dabei sein.«

»Komm Lisa, gib mir deinen Windbreaker, ich bringe ihn zur Garderobe. Mache es dir gemütlich.«

 

Die Hasenkeule in Sherry Sauce schmeckte den beiden vorzüglich. Fereshteh lobte die Kochkünste von Joan und Joan fragte wie sie in Wien die Hasenkeule zubereiten. Fereshteh lachte herzlich und gestand, dass sie noch nie Hasenkeule gebraten hatte.

 

»Lisa, als ich vorhin deinen Windbreaker in den Garderobeschrank tat, da sah ich etwas in der Innentasche.«

»Nach was sah es denn aus, Joan?«

»Nach einer Pistole, Lisa.«

»Dann war es eine Pistole, Joan Righby«, lachte Fereshteh herzhaft.

»Muss ich mir Sorgen machen, Lisa?«

»Hast du Angst vor mir?«

»Was hast du mit der Sache in London zu tun, Lisa?« Fereshteh horchte auf. Unmerklich für Joan Righby.

»Nichts was London interessieren sollte. Was wollt ihr von mir, Joan?« Mit dieser Frage ging Fereshteh nun aufs Ganze.

»Sie wollen nur reden mit dir, Lisa. Sonst nichts.«

»Was hast du damit zu tun? Eine Frau die so gute Hasenkeule zubereiten kann?«, sagte Fereshteh und lächelte Joan freundlich an.

»Nichts! Sie haben mich nur gefragt ob ich mich ein bisschen um dich kümmern könnte während deines Aufenthalts hier in Staithes.«

»Und dann?«

»Nichts dann. Wenn sie mit dir geredet haben, kannst du wieder gehen wohin auch du willst.«

»Gut Joan. Kein Problem. Rede ich mit ihnen. Weißt du wann sie kommen?«

»Morgen Mittag wollen sie kommen.«

»Wer wird es sein?«

»Ein Mann und eine Frau. Der Mann dürfte so um die vierzig Jahre alt sein und die Frau wohl um einige Jahre jünger. Ich weiß aber nicht wie sie heißen. Ich glaube es sind Franzosen, bin mir aber nicht sicher. Sie haben dich auch hierher gebracht.«

»Franzosen? Jetzt verstehe ich aber gar nichts mehr. Hier in England?«

»Ich vermute es nur, ich habe nur einmal gehört wie sie sich kurz unterhalten haben. Ich wurde von einem Mann, einem Engländer unterrichtet und um Mitarbeit gebeten.«

»Von Georg Allister nehme ich an«, sagte Fereshteh, »wird wohl nicht sein richtiger Name sein. Da habe ich dir ja eine schöne Mist Legende über Georg Allister und meinen Chef in Wien mit Ferien und so, aufgetischt.«

»Macht nichts Lisa. Er nannte sich Georg Allister. Er gab mir einen größeren Geldbetrag, wir sind nicht sehr wohlhabend hier in Staithes, ich musste ihm versprechen keine Polizei zu informieren, niemanden sozusagen. Das ist jetzt egal Lisa, ich habe Angst um dich. Egal was du gemacht hast, ich mag dich sehr, hab dich sogar lieb. Bringst du mich jetzt um, Lisa?«

 

Fereshteh verneinte lachend, nahm Joan Righby in die Arme und drückte sie fest an sich. Gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange, nahm sie bei der Hand und sie setzten sich gemeinsam auf das Sofa. Nachdem sich Joan beruhigt hatte, rauchten sie gemeinsam englische Zigaretten, tranken je ein kleines Glas Portwein, und als Fereshteh sich gegen 22Uhr verabschiedete, versprach sie Joan, mit den Leuten die morgen gegen Mittag kommen wollten, zu reden. Eine kleine Lüge liebe Joan, sagte sich Fereshteh, du wirst es mir verzeihen, denn ich werde mit Sicherheit mit niemand reden, ob kommend aus London oder sonst wo.

 

Die Verabschiedung verlief sehr herzlich und Joan Righby versicherte ihre Freude darüber mit Lisa die nächsten Tage verbringen zu können.

Um 22Uhr15 befand sich Fereshteh am Beginn der Landstraße von Staithes nach Scarborough. Wenige Schritte und Lisa Rodmann alias Fereshteh Celil wurde unsichtbar.

 

Scarborough besaß einen größeren Hafen und einen Bahnhof mit Verbindungen mit denen man im Sommer bis nach London reisen konnte. Um sieben Uhr morgens erreichte sie Scarborough. Es war keine Rekordzeit die sie für die Strecke von dreißig Meilen hinterlegt hatte, aber dennoch lag sie im selbst auferlegten Limit. Am Bahnhof von Scarborough nahm sie eine Mahlzeit, kaufte ein Eisenbahnticket nach London, zeigte sich am Schalter beim Ticketverkäufer sehr charmant, flirtete ausgiebig mit ihm so das ihn dieser Flirt noch einige Zeit in Erinnerung bleiben würde, zumindest solange bis ihre Verfolger auftauchen würde und er ihnen brühwarm erzählen würde, dass die schöne blondhaarige Österreicherin mit dieser Bob-Style Frisur und diesem etwas Nussfarbigen Teint ihrer Haut und den lustig dreinblickenden blauen Augen nach London gereist sei. Sie winkte ihm noch lächelnd zu, und da der Zug erst in einer Stunde abfahren würde, fiel es nicht auf, dass sie den Bahnhof wieder verlassen hatte. Außerdem sagte sie ihm, dass sie noch Ansichtskarten von diesem wunderschönen Scarborough kaufen möchte.

Unvermittelt nach Verlassen des Bahnhofgebäudes begab sie sich zum Hafen. Kaufte ein Ticket für eine Klein-Fähre von Scarborough nach Kingston upon Hull. In Hull nahm sie die Fährlinie nach Zeeland in Holland. Fuhr mit Bus und Eisenbahn nach Amsterdam. Am Flughafen Schiphol nahm sie den Flieger nach München. In der Prinzregentenstraße hatte sie neben Wien ein zweites Büro. Eingerichtet in einer Dreizimmerwohnung. Hier residierte auch ihr ständiger Mitarbeitet Harun Sadou, und hier änderte sie ihre Identität. Lisa Rodmann gab es nicht mehr und auch in Staithes suchte man Lisa Rodmann vergebens. Fereshteh Celil hatte sich eine neue Legende zugelegt.

 

 

 

 

 

 

Die Bücher "Tanz der Aranaea", und "Johann von Horwarth, der österreichische Nicht-Österreicher", sind jeweils als eBooks und als Paperbacks bei Amazon.de und Amazon.com erhältlich.

 

Inhalt und Leseprobe bei Amazon:

 Roman Lukitsch