Narrenschweiß

 

Die Personen

Künstler                                 Basil van Kerkely       

Muse des Künstlers              Tilly Vadenholtz          

Oberbürgermeister                Johannes Schober   

Frau des OB                         Brigitte Schober         

Bürgermeister                       Gunther Katz               

Chefredakteur                       Kurt Eucher                 

Frau des Chefredakteur        Erika Eucher              

Kämmerer                             Benjamin Hölzel        

Kustos                                  Jan Budera               

 

 

 

Basil van Kerkeley und die Muse Tilly Vadenholtz.

Die Rede des Basil van Kerkeley in Rhomstadt.                             

Im Schwitzbad                                                 

Oberbürgermeister Johannes Schober und seine Gattin Brigitte.

Die Party.                                                                                       

Chefredakteur Kurt Eucher und seine Gattin Erika.

Im Schwitzbad.

Im Rathaus.

Kämmerer Benjamin Hölzel.

Das Interview.

Die Arbeiten an den kosmischen Säulen oder Von der Leere in das Nichts.

Die Einweihung.

Im Schwitzbad.

 

 

Basil van Kerkeley und die Muse Tilly Vadenholtz,  Den Haag, im März 1972.

 

Bei ihrem ersten Besuch der Stadt traute die junge Malerin Tilly Vadenholtz ihren Augen nicht. In der Galerie van Houten, im Hedikhuizerweg 13 hängen ihre Bilder und Grafiken, die sie an der Fachoberschule für Grafik und Design in Aachen fertigte. Über eine Agentur erstand Basil van Kerkeley die Werke der unbekannten Künstlerin. Tilly wusste davon nichts.  Seit der Scheidung der Eltern, sie war erst zehn Jahre alt, war ihre Kindheitswelt in sich zusammengestürzt. Aus den Tiefen ihrer Seele krochen panische Ängste. Vor dem Tod, vor dem eigenen Ich. Schließlich begann das junge Mädchen zu malen, las wie besessen. Formte sich eine innere Welt, in der es den Ängsten standhalten versuchte, sie schließlich zu besiegen und eine wunderbar gelassene Heiterkeit gewinnen konnte. Sie ging nach Den Haag, wollte ihre Ausbildung dort vollkommen gestalten. In der Galerie van Houten lernte sie Basil kennen und wusste, "Der oder keiner". Sie glaubt mit einer fast gläubigen Gefügigkeit an ein vorgezeichnetes Schicksal. Kurze Zeit danach wurde ihr Kind geboren, Eleonore. Mit diesem Kind entstand für Tilly eine wunderbare neue Welt. Ihre Malerei, die sie fortan als Zwischenstation und kurze Etappe ihres eigenen Ich sah, war für sie wichtig, weil sie ihr in ihrem Leben ein Gefühl von Selbstwert gab. Diese Selbstwertgefühle, die sie ganz in die Arbeiten mit Basil van Kerkeley einbrachte, ließen beide zu ungeahnter künstlerischen Reife heranwachsen. Die gelegentliche unrealistische Art ihres Lebensgefährten Basil van Kerkeley gepaart mit ihrem gänzlich uneitler Umgang mit dem Metier Kunst ließ beide zu international anerkannte Gestalter werden. Tilly Vadenholtz sieht sich als Muse im Dienste van Kerkeley. Die Kunst des Basil van Kerkeley lebt im Dienste von Tilly Vadenholtz.                                                   

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Hanna van Kerkeley hatte einen Lehrstuhl für Physik und Chemie an der Universität Utrecht. Sie war Jüdin und die Mutter von Basil. Sie hat den Naziterror in Holland überlebt, weil sie als eine Kapazität für Turbinentriebwerke und Verbrennungselemente galt und dadurch für die deutsche Kriegsführung von Wichtigkeit war. Sie fand eine Möglichkeit mit dem sich der Raketenbrennstoff um ein vielfaches komprimieren ließ. Der Vater von Basil war Nichtjude und Auktionator für Gemäldekunst. Er hatte eine größere Galerie und musste als Gutachter der SS für requirierte Gemälde von Künstler aus verschiedenen Epochen, fungieren.

 Kleinbürgerlich, fast schon als miefig zu bezeichnen, der kleine Ort in Holland, unweit der Stadt Utrecht. Das musisch Inspirierte wird ihm wohl von seinem Vater in die Wiege gelegt worden sein, während seine Mutter, eine amüsante, gesellige, geistvolle und schlagfertige Frau zu dem auch eine im Ingenieurwesen anerkannte Persönlichkeit, ihre besten Eigenschaften dem einzigen Kind angedeihen ließ. Bereits im Alter von fünf Jahren konstruierte Basil aus Zündhölzchen die wunderbarsten Bauwerke und Gebilde; einmal sogar eine Nachbildung des Pariser Eiffelturm. Zu seinem sechzehnten Geburtstag durfte Basil, dessen Talent nicht nur von den Eltern sondern auch von seinen Lehrern früh erkannt wurde, die Akademie für Bildende Kunst mit Schwerpunkt Realismus und Neue Figuration besuchen.  Die reine Philosophie der Antike, die Liebe zur Weisheit, zur Wissenschaft suchte er zu erstreben. Nicht das was Jahrhunderte danach und bis zum heutigen Tage die zahlreichen sich der Philosophie verschriebenen Denker darunter vorstellen zu vermochten. Keiner konnte ihm jemals die Wurzeln der Kunst im leeren Raum erläutern, darstellen oder nur im Ansatz den Weg zeigen der zu ihnen führt.

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Zu Beginn der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhundert im Süden Deutschlands, namentlich in Baden-Württemberg fühlte sich der Verein „Interkommunale Kulturförderung Region Stuttgart e.V.“ bemüßigt, ein Projekt das sich „Platzverführung“ nennt, an namhafte international renommierte Künstler mit ihren Werken zu akzentuieren. Großplastiken sollen ausgewählten Plätzen der teilnehmenden Gemeinden und Städten errichtet werden und zahlreiche Örtlichkeiten wurden „verführt“.  In einer der Städte wurde mitten auf dem Marktplatz eine Backsteinmauer gemauert, zwei Meter mal zwei Meter im Ausmaß, mit Backsteinreste aus einer ehemaligen Arbeitersiedlung in Pforzheim das einem Luftangriff im letzten Krieg nicht standhalten konnte. In der nächsten Stadt errichtete ein Künstler eine Großplastik die er schlicht und ergreifend „Versammlungstisch vor dem Schlachthof“ nennt. Es folgten „Farbige Pinselstriche an der Markthalle“ und weiter, „Parkbank im Hecken-Séparée“. Es fehlte nur noch Gänseblümchen im Matsch!

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Nennen wir unsere Stadt einfach Rhomstadt. Rhomstadt ist überall, und in unserem Rhomstadt da gibt es ebenfalls „intellektuelle Kräfte„ die auch so etwas haben wollen. Oder besser, es gab nur eine Kraft. Nun ist das ja so eine Sache mit dem Intellektuellen. Böse Zungen behaupten dass dies eine Form von verrückt gewordenen Intelligenzlern sei. Ich persönlich bevorzuge den beiden gegenüber ja doch lieber den Verstand. Sei’s drum. Rhomstadt hat sich beworben und durfte einen nicht allzu großen Platz verführen lassen. 

Über einen Freund erfuhr Tilly Vadenholtz das Rudi Fuchs, 1982 documenta-Macher und nun Museumschef in Den Haag, an namhafte Künstler interessiert sei um das Projekt „Platzverführung“ zu gestalten. An Künstler die sich schon an diversen Projekten versuchten; gelungen versuchten. Der Stadt Rhomstadt sei noch als einzige Stadt an einer „Platzverführung“ durch einen renommierten Künstler gelegen.

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Die Rede des Basil van Kerkeley in Rhomstadt am 15.07.1992

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Liebe Freunde der wahren Werte. Liebe Wegbereiter der Dinge, die den Menschen edel und gut und dadurch von allem was Schöpfung heißt, unterscheidet. Gebildet, kultiviert, weltoffen, so gibt sich mir der Eindruck von ihrer Stadt Rhomstadt. Dennoch, es gibt keine Foren für geistige Auseinandersetzung. Auch ihre Stadt und ihr schöner Kultursaal darf diesen Anspruch nicht erheben, auch ein stilles Örtchen nicht und doch kann man in beiden beginnen. Ich, meine verehrten Damen und meine geschätzten Herren, ich schaffe mir Denk-Räume. Das ist es! Denk-Räume oder Kreativ-Räume!

 Wir Künstler sehen in diesem Orte die Analogie der Reise zu den Wurzeln der Kunst und der Fruchtbarkeit der kosmischen Säulen, denn sie gebären den Schweiß der Narren, so wie wir im Anfang sind. Kein Raum zieht sich in eine erkennbare äußere Räumlichkeit oder auch in einen individuellen Bedeutungsraum zurück. Die symbiotische Über- und Unterordnung die zwischen den Räumen des traditionellen Kosmos, der ja Raum ist, wobei wir behaupten, sogar ein denkender Raum ist also in einem Wort meine lieben Kunstfreunde, der Kosmos als Raum, denkt! Wir sind nicht Endzweck sondern Werkzeuge des denkenden Kosmos. Der Kosmos produziert für uns die "Leere " und wir gestalten in ihr das "Nichts"! Hier setzt der Künstler seinen Funktionskontext an. Hier ist für Sie, meine Person, Basil van Kerkeley der Gestalter. Geben Sie mir Ihre wertfreien Räume und ich erhebe Sie in die unsichtbaren Sphären. Zu den kosmischen Werten!

Ich Danke ihnen.

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Im Schwitzbad von Rhomstadt einige Tage später.

 

Kustos: Was haltet ihr von der Rede?

Oberbürgermeister: Nicht schlecht, sie war hoch kulturell.

Bürgermeister: Ich fand es schlichtweg als eine Unverschämtheit wie er unseren schönen Kultursaal mit einem Scheißhaus auf eine Stufe stellte.

Kämmerer: Also bitte Gunther. So hat er das sicherlich niemals gemeint. Herr van Kerkeley ist ein Ästhet.

Chefredakteur: Ach jetzt seht das doch nicht so eng. Wenn ich sehe, welche Theaterstücke unser neuer Intendant aufführen lässt, dann ist der Vergleich gar nicht so abwegig.

Kustos: Lasst dass mal nicht den Intendanten hören!

Kämmerer: Kannst ja zu ihm hinrennen und es ihm flüstern.

Chefredakteur: Meine Herren! Also wirklich. Das letzte Stück war aber doch eine Zumutung. Alle Schauspieler in fleischfarbenen Trikots auftreten zu lassen. Eine Frechheit sag ich. Tosca im Trikot! Ein Affront gegenüber Puccini

Kämmerer: Ich sag euch, der Intendant ist ein alter geiler Sack und will nur die Marliese Lachner als Tosca im dünnen Zwirn sehen. Habt ihr nicht bei den Proben die Unruhe in seiner Hose bemerkt?

Kustos: Typisch Benjamin. ordinär wie ein Holzbock. Wir sollten uns um die Kunst kümmern und namentlich um Herrn van Kerkely, und nicht um den Hosenteufel des Intendanten.

Chefredakteur: Versteht ihr den Satz von dem Kerkeley? „Die Analogie der Reise zu den Wurzeln der Kunst und die Fruchtbarkeit der kosmischen Säulen gebären den Schweiß der Narren, so wie wir im Anfang sind."

Bürgermeister: Natürlich! Wo liegt die Wurzel der Kunst? Hm? Na wer weiß es? Jan, du bist der Kustos, wo liegen sie?

Kustos: In Rhomstadt bestimmt nicht wenn ich mir so euere unflätigen Ergüsse anhöre. Und Narren findet man hier allenthalben auch. Sie waren es im Anfang und sind es bis zum heutigen Tag.

Unisono (außer dem Kustos): Hört hört. Sei bloß vorsichtig, bis jetzt waren wir alle noch friedlich zu dir.

Chefredakteur: Dreht jemand die Sauna stärker? und hört auf mit dem Furzen! Wer war das? Pfui Deibel!

Kämmerer: Was regste dich auf? Da war halt jemand bei den Wurzeln der Kunst!

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Oberbürgermeister Johannes Schober und seine Gattin Brigitte.

 

Johannes Schober ist in Gestalt, Gewicht und Erscheinung ein Bild von einem Mann. Einmeterfünfundneunzig, hundert Kilo schwer, und kurz, gemäß eigenen Aussagen, eine Respektperson. Sein Kämmerer Benjamin Hölzel sieht das ein bisschen anders. Er meint wenn sein OB Verstopfung hat dann sieht er genau so dämlich aus wie jeder Straßenköter der Verstopfung hat und Ohren anliegend im Wald sich die Seele heraus drückt. Das gilt allerdings nicht nur für Oberbürgermeister sondern auch für alle Präsidenten, Päpste und wichtige Männer. Denn wer, und was sind schon wichtig, sagt der Kämmerer Benjamin Hölzel.

In einer Schublade seines Schreibtischs befindet sich außer Schriften der Weltliteratur in verschiedenen Sprachen gehalten, auch ein Wörterbuch in Deutsch und Latein. Eine gefährliche Mischung! Für Intellektuelle schon eine Herausforderung, Intelligenzler werden einen Teufel tun sich darin zu versuchen und Menschen mit Verstand wenden sich mit Grausen ab. Unser OB ist aber weder das eine, noch sonst was. Johannes Schober ist Politiker, sonst nichts! Da hilft ihm auch nicht das wissende Lächeln der Eingeweihten mit dem sich alle Politiker so gerne schmücken. Auguren hin, Auguren her, ein gerissener Hund würde sein Bürgermeister Gunther Katz sagen. Schober ist dennoch nicht unsympathisch, hat seine liebenswerte Seiten, tut niemanden weh und er hat eine Möglichkeit entdeckt, wie er seinem Landrat die Läuse aus dem Pelz kitzeln kann, die dann seiner Stadt Rhomstadt zugute kommen lässt. Ein Fässchen Obstbrändle jedes Jahr wirkt schon Wunder. Rhomstadt besitzt weit und breit die besten Zwetschgenbäume namens „Bühler Zwetschgen“. Zunächst tritt Schober mit einer utopischen Bitte an seinen Landrat heran, wohlwissend das Herr Landrat davon einen Schweißausbruch bekommt und diese niemals erfüllen kann. Hat der Herr Landrat nun genügend schlechtes Gewissen produziert, immerhin stehen da ja noch die Obstbrändle im tiefen Keller, bringt Johannes Schober die durchaus erfüllbare eigentliche Bitte zu Sprache und der Herr Landrat ist erfreut sie auch erfüllen zu können; wenn auch im normalen Falle dies nur mit Fußtritte seitens des OB gegenüber seinem Landrat zu erfüllen wäre. Welcher OB möchte aber seinem Landrat diverse Fußtritte verpassen?

Brigitte Schober, seine Ehefrau hätte Johannes gerne in höhere Sphären gesehen; ein Ministerpöstchen in der Landesregierung solle doch möglich sein; Wirtschaftsminister vielleicht. Schober wäre durchaus für diesen Posten geeignet denn Rhomstadt entwickelte sich dank Schober von einem weniger bekannten Provinznest zu einem passablen Wirtschaftszentrum in der Region. Johannes Schober ist Realist genug um zu wissen, das dies nicht allein sein Verdienst war. Dahinter stand und steht sein Kämmerer Benjamin Hölzel, Schobers stadtpolitisches Ziehkind der seinem Chef bei jeder sich bietender Gelegenheit ans Bein pinkelt. Reine Erziehungsmaßnahme wie Benjamin Hölzel meint.

Es besteht zwischen den beiden so etwas wie eine Hassliebe und Schober würde einen Teufel tun um Hölzel aus dem Verkehr zu ziehen denn Hölzel ist der einzige der trotz all den Macken die er besitzt im Ende zu seinem OB steht.

Er weiß, dass sein Bürgermeister Gunther Katz nur eine Schnecke ist die schon von weitem an der Schleimspur zu erkennen ist. Besonders zu erkennen zwischen den Büros der beiden. Zwar loyal seinem Chef gegenüber, auch nicht intrigant aber eben doch nur einer der sogar mit dem Kopf nickt wenn ihn Schober fragt ob er, Schober, in diesen oder jenen Kuhfladen hinein treten solle oder nicht. Bürgermeister Gunther Katz ist ein Tuttifrutti-Schwätzer und das schätz eben der OB an ihm. Er kann über einen braunen Kuhfladen mindesten zwei Stunden parlieren, ob er dampft oder nicht, wie die Konsistenz und die chemische Substanz etcetera beschaffen ist und das man tunlichst nicht dran lecken solle. Eben so wie es die meisten Manager in der Großindustrie vermögen und schon manche derselben an die Wand gefahren haben. Das kann OB Schober dann dennoch nicht passieren, denn er hat ja noch seinen Kämmerer Benjamin Hölzel der ihn immer wieder und entsprechend „Einnordet“ wie die Kompassbenutzer sagen, und ihn, Schober, in die richtige Spur führt. Das liebt er an ihm, ist ihm dankbar dafür und verzeiht ihm die anarchistische Ader.

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Die Party.

 

>>Kurti, wo hat denn der OB nur diese danebengestimmten Musiker her? << 

>>Ich weiß nicht Erika. Seit der Hölzel in seinem Ohr sitzt ist er ein Einsparfanatiker. Früher haben sie die Partys von einem Partyservice veranstalten lassen, da ging die Post ab sage ich. Und heute in seinem Garten, bei Gänseblümchen und Zwei-Mann Kapelle. Pass auf, jetzt kommt seine Rede, bestimmt labert er wieder über die Errungenschaften in Rhomstadt. Ich kann den Käse morgen wieder drucken. <<

>>Liebe Frau Tilly Vadenholtz und lieber Herr van Kerkeley...<<

>>Was hat denn die Vadenholtz damit zu tun Gunther? <<

>>Nicht so laut Doris, der Budera guckt schon wieder so schief. <<

>>Ach, der soll uns sonst was Gunther. <<

>>Du bist gut, ich bin der Bürgermeister, ich kann mir keinen Affront leisten. <<

>>Du bist ein Schlappschwanz Gunther, wenn du mich nicht hättest, wer weiß wo du gelandet wärst. Du musst dich noch mehr bei deinem Chef arrangieren, Wammerl. <<

>>...liebe Freunde der Künste. Unser Rhomstadt hat wie ihr wisst eine Autoreifenfabrik, einen amerikanischen Computerkonzern, ein Theater äh Verzeihung lieber Herr Intendant ich meinte natürlich ein Opernhaus, eine Einkaufspassage, Cafes und vieles mehr. Mit Hilfe unserer Freunde aus Amsterdam bekommen wir nun auch einen Hauch der schönen Künste zu spüren. <<

>>Habe ich dir es nicht gesagt, Erika. Der gleiche Shit wie immer und ich muss es morgen in meiner Zeitung drucken. <<

>>Psst, Kurti, man hört uns. <<

>>Du hast unseren Kultursaal vergessen, OB! <<

>>Danke lieber Gunther Katz. Unser Kultursaal ist zwar kein Forum für geistige Auseinandersetzungen wie Herr van Kerkeley ausführte aber immerhin doch sehr gelungen. <<

>>Wie war ich, Doris? << >> Gut, Wammerl, gut! <<

>>OB, wir haben auch einen Sargmacher und wann kriegen wir endlich eine Irrenanstalt? <<

>>Also wirklich, Benjamin Hölzel! <<

>>Tilly, ich finde die Leute schrecklich. Dieser Unhold namens Hölzel kommt mir sehr Suspekt vor. Er mag uns nicht und er macht auch keinen Hehl daraus. <<

>>Er ist wenigsten ehrlich, Basil. Bürger und Künstler haben keine gemeinsame Sprache. Es gibt hier die einmalige Gelegenheit einen Konsens zu finden. <<

>>Ich frage mich Tilly, ob sie hier auch noch Besen vor die Türe stellen um wie im Mittelalter die Zigeuner vom Stehlen abhalten zu können. <<

>>Sei nicht so hart zu ihnen Basil. Die Leute sind nicht bösartig. Sie werden mit etwas konfrontiert, das sie noch nicht verstehen. Die Reife dazu fehlt ihnen noch. Sie fühlen sich mit dem Projektname "Narrenschweiß" persönlich attackiert. Wir wollen ihnen die Aussagekraft der Kunst in Gestalt und auch in Sprache explizite bei der Einweihungsfeier darstellen. Die Kunst benötigt seine Missionare aber das weißt du natürlich selbst. Komm jetzt Basil, wir wollen uns unter die Künstlerfresser mischen. Es gibt viel zu tun! <<

>>Hallo Tilly und Basil, darf ich ihnen meine Frau Brigitte vorstellen, ja? Haha - ja, nennen Sie mich einfach Johannes. <<

                                                *** 

Chefredakteur Kurt Eucher und seine Gattin Erika, Hirziswinkel im Sommer 1985.

 

Mein Name ist Kurt Eucher. Ich bin Chefredakteur eines neuen Stadtmagazins. "F.E - FÜR EUCH" heißt mein Blatt. Die Leserinnen und Leser der „F.E“ sollen das beste Magazin bekommen, das im Angebot ist. Dafür stehe ich mit meinem guten Namen. Die alte „F.E“ war, bevor ich hier das Sagen hatte gelinde gesagt ein Käseblatt, eine Lachnummer. Die „F.E“ war technisch nicht sehr gut aufgemacht. Sie war dünn, ungeheftet, schwarz-weiß und ich ihnen, wie konnten die nur! Ich habe dieses Blatt umgekrempelt. Durch mich ist die neue „F.E“ ein Novum geworden. Mein Blatt ist beliebt und begehrt. Es besitzt eine enge Bindung zu seinen Lesern. Inhaltlich zählt es wohl zum Besten was man mit viel Glück am Kiosk bekommen kann. Die anderen müssen sich schon warm anziehen denn ich weiß was Sache ist. Klar, ich musste Kämpfe überstehen, mit miesen Typen Fertigwerden. Wer bei mir nicht spurt, der fliegt. Mein Team ist Top und von dem Erfolg dieser Zeitschrift überzeugt. Ich muss mich um nichts mehr kümmern, alles läuft Prima.Letzte Woche bekam ich ein Angebot aus Rhomstadt. Die haben dort eine super Tageszeitung. Für mich ist die Leitung dieser Zeitung möglich geworden. Zehntausend Mark geben sie mir. Vielleicht nehme ich den Job an denn nichts liegt mir mehr als direkt an der Front zu arbeiten. Wissen Sie, mit den Leuten kultivierte Gespräche führen, kommunizieren und in wohlgeformte Texte bringen, dass ist meine Welt. Stadtmagazin? gut und schön, nicht schlecht aber eine Tageszeitung versehen mit meiner Handschrift, dass ist doch etwas ganz anderes!

 

Rhomstadt ein paar Jahre später. Kurti ist immer so sprunghaft und leidenschaftlich. Ja, Privat auch, natürlich. Wissen Sie, ich möchte gar keinen anderen. Wir kennen uns schon einige Jahre und er ist noch immer in meine Proportionen verliebt. Ist doch ein schönes Kompliment, finden Sie nicht auch? Viele sagen das Kurti ein harter Hund sei. Geistreich und intelligent fast schon ein Intellektueller mit einem guten Schuss Humor und Kultur aber auch hart in der Sache. Ich finde, dass muss man in der heutigen Zeit sein. Nein, Kinder haben wir keine. Wissen Sie, ich schreibe für ihn die Texte für seine Rhomstädter Zeitung. Wir haben uns extra für diese Zwecke einen PC für mich angeschafft. Ich war früher Abteilungssekretärin, ich kann das gut für ihn erledigen. Wir haben uns eine Haushaltshilfe zugelegt. Ich habe jetzt doch noch mehr Zeit für Kurti. Wir lieben die gemeinsamen Abende bei gutem Essen und Kerzenlicht. Sie sollten da meinen Mann erleben, ein echter Herr und Gentleman.Er ist so ideenreich und was er sich vornimmt, dass muss auch sogleich umgesetzt werden. Was er einem abverlangt ist manchmal fast zuviel. Er ist sprunghaft und voll mit verrückten Launen.Jetzt hat er das Rhomstadter Tagesblatt zu anerkannten renommierten Ansehen gebracht und faselt schon wieder mit einer neuen Herausforderung. Den Pressedienst einer großen Computergesellschaft in Stuttgart könnte Kurti leiten. Doppeltes Gehalt! Das Angebot liegt auf seinem Schreibtisch. Ich weiß nicht so recht, dass können Sie mir glauben. Geld ist nicht alles und Kurti hat es doch mehr mit der Kultur als mit dieser kalten Computerwelt.

Zu meiner Person? was soll ich da sagen? Ich bin für meinen Mann da, dass haben Sie doch gemerkt. Ja, ich kleide mich gern gut und gehe öfters mit meinen Freundinnen in die Oper. Sie nennen es hier in Rhomstadt Oper aber so richtig eine Oper ist es halt doch nicht. Der neue Intendant Frederec Havel ist eine wirkliche Bereicherung für unsere Stadt. Meine Freundinnen sind allesamt in ihn verknallt. Ein Mann der alten Schule. Ich habe ihm neulich im Restaurant "Zum Mohren" beim Essen zugesehen. Wie er das Besteckt in seinen Händen hielt, den Braten zerlegt und die Happen zu seinem Mund führte; eine Zelebration, verstehen Sie. Meine Freundin Marliese Lachner meinte, so zelebriert er das Vorspiel. Na die muss es wissen!

                                               *** 

Im Schwitzbad, wieder einige Tage später.

 

Bürgermeister: Die Party ist dir gelungen OB! Wo bekommst du nur immer die köstlichen frischen Delikatessen her? finde ich echt Super!

Chefredakteur: Jetzt hör schon auf zu katzeln, du Maunzerle, du bringst deinen OB noch in Verlegenheit. Die Sachen habe ich ihm besorgt sollte dich mal jemand fragen.

Kämmerer: Den Bürgermeister fragt doch eh keiner.

OB: Ich bin doch mal wirklich gespannt, was uns der gute van Kerkeley für ein Kunstwerk beschert. Ich habe neulich ein Gespräch mit einem Kollegen aus Bad Gingele gehabt und dort soll von einem Künstler aus Rom ein Zwanzigmeter hohes Holzgerüst aufgestellt werden.

Kämmerer: Den Kollegen kenne ich. Ich habe gehört, dass er bis Ende des Jahres ins Kulturamt nach Schwäbinge wechselt aber vorher noch dieses Henkersgerüst aufstellen will. So ein Gestell wäre auch für Rhomstadt von Nutzen, für den Stadtrat und seinem Oberbürgermeister der für seine Kunst alle Wälder um Rhomstadt herum abholzen würde. Was das alles kostet. Wenn nachher die Kassen leer sind, dann sind wir Kämmerer die krummen Hunde.

Chefredakteur: Wird ja alles gesponsert Benjamin. Regt dich ab. Ein Honorar verlangt der Italiener meines Wissens auch nicht. Ich bin zwar ein harter Hund aber Kunst muss sein.

OB: Finde ich auch. Es ist über Kunst schon viel gesagt, geschrieben und gesprochen worden. Ein Geheimnis bleibt die Kunst für uns allemal. Es bleibt für die einen Traum und für die anderen birgt sie vielschichtige Facetten. Kunst ist Kultur und wir Politiker müssen da kulturpolitisch tätig sein.

Kämmerer: Kunst als Traum, für mich ein Alptraum wenn ich an van Kerkeley und unser Stadtsäckele denke. Und Kunst als Geheimnis, dessen Facetten bis zuletzt völlig überraschend sein können, alles Quatsch. Wenn ich schon das Wort kulturpolitisch höre wird mir schon schlecht. Was hat Kultur mit Politik zu tun? und Politiker mit Kultur?

Kustos: Du hast doch die heutige moderne Kunstentwicklung überhaupt nicht begriffen. Wer den eingerahmten brünstigen Eber in der guten Stube hängen hat, wird auch wie ein brünstiger Eber denken. Hier liegen die Dinge aber völlig anders.

Bürgermeister: Der OB und der Kustos haben ganz Recht. Ich bin auch für die Kunst als Geheimnis. Mich ärgert ja nur, dass van Kerkeley unseren Kultursaal als Scheißhaus titulierte.

Chefredakteur: Hat er ja gar nicht! Er hat nur gesagt, dass es keine Foren für geistige Auseinandersetzungen gibt. Aufem Klo oder im Kultursaal kann es oder auch nicht, geistige Auseinandersetzungen geben.

Kämmerer: Das glaube ich sofort, dass deine geistigen Auseinandersetzungen in deinem Käseblatt aufm Klo entstanden sind! Dein Käseblatt ist auch kein Forum für so was, da kannst du noch so viele Gedichte vom OB abdrucken.

                                               *** 

Im Rathaus von Rhomstadt.

 

Oberbürgermeister: Guten Morgen meine Damen und Herren. Ich eröffne im Namen meiner Fraktion die heutige Gemeinderatsitzung. Das Projekt "Platzverführung" steht wie bekannt als Punkt 1 auf der Tagesordnung.

Parteiloser: Wir wollen vor allem wissen, wo dieser von ihnen produzierte Flop errichtet werden soll und natürlich, wie hoch die Kosten sind.

Blaue Partei: Der OB nutzt doch nur seine Stellung aus, um uns noch ein Souvenir zu geben, bevor er in Rente geht.

Oberbürgermeister: Ich gehe noch lang nicht in Rente. Sie haben, meine Herren, die heutige, moderne Kunstentwicklung überhaupt nicht begriffen. Die Skulptur wird natürlich keine Quadratur des Kreises sein. Soviel kann ich versichern, wird aber dennoch ein Meilenstein für Rhomstadt bedeuten. Wir haben den Besten für uns gewinnen können. Basil van Kerkeley! Der Künstler hüllt sich selbstverständlich noch in Schweigen, denn gewisse Freiräume braucht er noch für Inspirationen. Die Skulptur wird einen Platz erhalten, eine Bühne für alle Arten von Aktivitäten, die sich an den Platzanlagen alter europäischer Städte orientiert.

Kämmerer Hölzel: Der OB hat wirklich den Besten in dieser Zunft gefunden. Der Marktplatz muss dafür herhalten. Wenn sich euer OB schon die Mühe macht aus euerem Pawlatschendorf mit Rom, Paris und Wien gleich zu ziehen dann sollen alle an einem Strang ziehen.

Lila Partei: Hört, hört, Pawlatschendorf! Unseren Marktplatz verhunzt du und dein OB uns nicht mit diesem Klamauk.

Blaue Partei: Und die Geldmittel hierzu bekommst du nicht ohne einstimmigen Beschluss. Damit du gleich die Richtung kennst.

Kämmerer Hölzel: Ich habe doch gesagt dass es uns nix koscht, seid ihr taub auf den Ohren? Für die Geldmittel brauche ich euch nicht, dafür habe ich mein eigenes Budget. Und gespartes habe ich auch noch.

Oberbürgermeister: Für das Projekt stehen Sponsoren bereit. Und Herr van Kerkeley verzichtet großzügigerweise auf ein Honorar. Die Spesen wird er von den Sponsoren aus der heimischen Wirtschaft beziehen. Ihr seht, wir wollen den Bürgern nur Kunstverständnis vermitteln und sonst nichts. Ich brauche nur Vorschläge für einen adäquaten Platz, ich will den Marktplatz!

Lila Partei: Den Marktplatz geben wir für so etwas nicht her.

Oberbürgermeister: Nur reaktionäre, ungebildete und konservative haben was dagegen. Ich glaube nicht, dass einer von euch zu jener Gruppierung gehören möchte.

Parteiloser: Das hat doch damit nichts zu tun. Wir wissen nicht wie das "Ding" aussehen soll und wir haben keinen Platz dafür. Der Marktplatz kommt jedenfalls nicht in Frage. Der Platz vor dem Kultursaal ist zu schmal. Warum platziert ihr das Gebilde nicht an die Peripherie? Die Streuobstwiesen oben auf der Schillerhälde sind doch geeignet. Da freut sich der Dichter und wir müssen es uns nicht jeden Tag ansehen.

Oberbürgermeister: Bürger und Banause, wie eng liegt das doch zusammen. Ich will den Marktplatz und sonst nichts. Alles andere liegt weit im geschmacklichen Abseits.

                                            *** 

Kämmer Benjamin Hölzel, Rhomstadt im Sommer 1971.

 

>>Du Papa, der Benjamin Hölzel ist ein echtes Ekelpaket. Du bist der OB, mußtest du diesen Kotzbrocken, fast einstellen? <<

>>Claire, er hat sein Abi mit summa cum laude bestanden und war der bester Schüler. <<

>>Na und Papa, trotzdem ist er der größte Nervfaktor unserer Stadt. Gestern hat er Janni, meine besten Freundin angebaggert und wollte sie abknutschen. Ein Glück das ich Karate kann und Gürtelträgerin bin, ich würde ihm eine verpassen wenn er das bei mir versuchen wollte, das weiß er ganz genau. <<

>>Eine Sprache hast du drauf Claire, also echt, da weiß ich auch nicht mehr weiter. <<

>>Sag mir lieber was du von diesem Mistkerl halst, Papa! Neulich hat er überall erzählt, er sei auf einer Demo in Stuttgart gewesen und hätte unter seiner Jacke einen Baseballschläger getragen. Zum Bullenkloppen, und mich schaut dieser Blödi gar nicht an. <<

>>Benjamin ist ein Effant terrible Claire. Ich kenne seine Eltern. Sein Vater war Stadtrat. Ein ganz patenter Mensch und seine Mutter ist in der Gemeinde doch sehr engagiert. Die beiden sind in Ordnung. Haben sicher etwas falsch gemacht in Benjamins Erziehung aber so schlimm ist er auch wieder nicht. <<

>>Ja, sie hätten ihm öfters mal eine Ohrfeige geben sollen Papa. <<

>>Haben wir bei dir auch nicht getan Claire und trotzdem bist du ein tolles Mädchen geworden. <<

>>Du Papa, der blöde Kerl wird am Samstag zwanzig Jahre und will uns Mädchen aus der Abschlussklasse zu einer Fete einladen. Alle haben was Neues zum anziehen gekauft. Papa, ich habe bei Oberpaur im Schaufenster einen supertollen Minirock gesehen und wenn du mir...<<

 

Kämmerer Benjamin Hölzel, zehn Jahre später.

 

>>Esprit hat dieser Hölzel mit dem Teelöffel gefressen, OB. Willst du den zum neuen Kämmerer machen? <<

>>Unsere Finanzverwaltung brauch einen neuen Chef, Gunther. In Bad Wolperling hatte er die Finanzen völlig im Griff. So etwas muss auch in Rhomstadt sein. Du weißt Gunther, wie es bei uns diesbezüglich aussieht. <<

>>Ja, das weiß ich, OB. Muss es trotzdem so einer sein? im Umkreis von hundert Kilometer ist doch kein Nachtclub vor ihm sicher. Und welche Klamotten er trägt! Jeans und Turnschuhe! In dem Alter! und diese langen Haare. <<

>>Von mir aus kann er rosa Seidenunterwäsche tragen, Gunther. Du bist Bürgermeister und dir kann er nicht wehtun. Ihr habt keine Berührungspunkte. Ich muss mich mit ihm rumschlagen, und der Gemeinderat aber das schadet denen gar nichts, da freue ich mich schon drauf, diese Banausen! Benjamin Hölzel ist auf seinem Gebiet ein Genie und dass ist, es was ich will. Ich brauch nur sein Finanzhirn, sonst nichts. <<

 

 Kämmerer Benjamin Hölzel,  Rhomstadt im August 1992

 

>>Egon! <<

>>Ja, Chef? <<

>>Sag nicht Chef zu mir, ich heiße Benjamin Hölzel. Klaro? <<

>>OK, Chef! Ich heiße Leander und nicht Egon. <<

>>Halt dein Maul, Egon! Außerdem, wie kann ein Mensch nur Leander heißen? Du bist der beste Lehrling den ich je hatte Egon, und das weißt du genau. <<

>>Ja, Chef! <<

>>Dir geht es gut bei mir und du bekommst das beste Geld. Hast die größten Freiheiten bei mir und darfst auch mal früher nach Hause oder zwischendurch deiner Freundin im Park an der Wäsche fummeln. Richtig? <<

>>Stimmt genau, Chef. Sie sind in Ordnung. Mir geht es sehr gut bei ihnen, Herr Chef. <<

>>So ist es Egon. Du weißt genau was dies für ein mieses verlottertes Pawlatschendorf ist. Dieses Rhomstadt mit seinem verkalkten Stadtrat und den verhuschten Pfarrgemeinderäten. Diesem komischen Museumsdirektor und dem intriganten Bürgermeister. Der OB ist ja soweit in Ordnung. Diesen Chefredakteur, den habe ich aber total auf der Pfanne. Was hatte er denn heute Morgen mit dir zu schaffen? <<

>> Nicht viel, Chef. << >> Ich will es wissen, Egon. << >>Kann ich nicht sagen, Chef. <<

>>Spuck's aus, Egon. <<

>>Chef, er nannte Sie eine korrumpierte Sau. <<

>>Das habe ich mir fast gedacht, Egon. <<

                                            *** 

Das Interview. Chefredakteur und Basil van Kerkeley.

 

Chefredakteur: Herr van Kerkeley, als kulturpolitische Initiative zur Etablierung der Region Rhomstadt geplant, ist ihr Skulpturen-Projekt "Narrenschweiß" schon vor der offiziellen Eröffnung am 9. Oktober zu einem neuen Maßstab für die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Offizielle geworden. Sie nennen das Projekt "Narrenschweiß" und hüllen sich in Schweigen, wie es aussehen wird und woher Sie die meines erachten kühne Bezeichnung "Narrenschweiß" für sich in Anspruch nehmen.

van Kerkeley: Zunächst erachte ich die Bezeichnung „kulturpolitisch“ für sehr bedenklich. Es gibt die Künste, und es gibt die Politik. Kulturpolitik als solche halte ich für eine unglückliche Konstellation. "Narrenschweiß" ist Kunst in der Kultur. Die Politik ist Anti-Kultur. Meine Rede vom sechzehnten Juli hat doch bewirkt, dass über der kulturellen Szene Rhomstadt hinaus sich viele Menschen mit "Narrenschweiß" beschäftigen.

Ich sprach von der Analogie der Reise zu den Wurzeln der Kunst und ich erwähnte die Fruchtbarkeit der kosmischen Säulen. Wer würde sich mit diesen Zeilen auseinandersetzen, hätte ich mein Ortberührungskonzept einfach "Gänseblümchen im Matsch" genannt? Ich gehe noch einen Schritt weiter. Wer würde sich je mit den geheimnisvollen Auraumschwebenden Künsten befassen, wenn sie von Beginn bereits zu lesen wären, wie ein Lesebuch von Grundschülern? Wer Augen hat, der sehe und wer ein Hirn hat, der denke. Meine Skulptur wird die Fragenden befriedigen.

Chefredakteur: Ich verstehe. Sie sagten, es gäbe die Künste und es gäbe die Politik. Nun sprechen wir die Politik an. Hans van Opeln, 1987 ARTUMENTA-Macher und nun Museumschef in Amstelem hat gemeinsam mit dem hiesigen über die Landesgrenzen hinaus bekannten Ausstellungsmacher Chaim Pfefferkorn einen "Heroen" nach Rhomstadt gelockt, der gemäß Aussage Pfefferkorn "in seinem Repertoire sicher ist". Pfefferkorn weiter "Von den Künstlern aus unserer Region kann einem für die Zwecke "Platzverführung" niemand sonst einfallen.

An alle hat man gedacht. An den Dänen Per Kirkeby, den in Turin lebenden Mario Merz. An Niele Toroni und Günther Förg. Selbst der Kanadier Royden Rabinowitsch und die Amerikaner Donald Judd, Sol Le Witt und Weiner waren in der Diskussion für die Platzverführung in Rhomstadt. Sie, Herr van Kerkeley haben wie ja bekannt, den Zuschlag erhalten. Wo ist das heimische Potential - sind Sie nun stolz?

Basil van Kerkeley: Stolz ist nicht das richtige Wort, aber was immer es sei, es ist nicht wichtig. Um Künstler zu sein, muss man eine Vision haben und genau die fehlt den jungen Leuten in ihrem Land, ihrer Region. Die einzig darum kämpfen, mehr oder weniger berühmt zu sein, doch die Vision bleibt auf der Strecke. Möglicherweise haben diese Aspekte der Vision für Rhomstadt gezählt um mich zu verpflichten. Mein Entwurfshonorar von 7000 Mark deckt bei weitem nicht die Kosten die ich bereits hatte.

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Die Arbeiten an den kosmischen Säulen   oder  Von der Leere in das Nichts.

 

Die Schillerhälde ist eine kleine Lichtung am Rande einer ausgedehnten Streuobstwiese von deren Standort aus einen Überblick über Rhomstadt gewinnt. Was dieses Fleckchen Erde mit Schiller zu tun hat entschwindet im Dunkel der Historie. Auch in Rhomstadt wusste niemand Bescheid was die einstigen Stadtväter veranlasste diesem Örtchen den Namen Schillerhälde zu geben. Einzig dem Kämmerer Benjamin Hölzel ist dazu eine Erklärung eingefallen. Seiner Meinung nach verweilte Schiller an diesem Ort für sehr kurze Zeit während seiner Flucht aus Württemberg nach Baden um nach dem Aufenthalt in Rhomstadt und dem Elend das er in dieser Stadt dort gesehen hat, sich mal richtig auf dieser Hälde auskotzen zu können. In ganz Rhomstadt gab es einen Aufschrei der Entrüstung als Hölzel dies nach einem Trinkgelage im Goldenen Ochsen lauthals durch die Gassen schrie. Eben diese Örtlichkeit erhielt Basil van Kerkeley für sein Projekt „Platzverführung“ und nicht den Marktplatz wie von Oberbürgermeister Johannes Schober gewünscht und gefordert. Man hatte es ihm abgelehnt.

Stunden verbrachten Basil van Kerkeley und Tilly Vadenholtz auf der Schillerhälde in der „Leere“ und oft genug mit einem gut gefüllten Picknikkorb um das „Nichts“ zu vollbringen. Tilly, in ihrer unverwechselbaren Art machte schon einmal Basil den Vorschlag ein krummes Kamel auf der Hälde zu projizieren, mit Blick auf Rhomstadt. Sie ist Ästhet genug um nicht es der landläufig Dummheit den man Kamelen nachsagt auf die Rhomstädter zu übertragen sondern nur um deren Bösartigkeit, für die ja auch Kamele bekannt sind. Und die Rhomstädter sind bösartig, von dieser Meinung ist sie nicht abzubringen.  Basil van Kerkeley sieht das ein wenig anders und die Idee mit dem Kamel doch nicht so schlecht nur sollte es ein neues geborenes Kamel für Rhomstadt sein. Mit weichen Nüstern, noch zarten feuchten Fell und sanften Augen wie neugeborenen Kamele zu eigen. Wenn sich Menschen dies eben zu Eigen machen, dann sähe die Welt anders aus. Es dürfe nur nicht alt werden und ewig ein junges Kamel bleiben. „Kamel ist Kamel“ meinte Tilly und irgendwas ist da schon dann. Alles nur Tarnung bei den jungen Kamelen.  Für Basil stand fest. Er wird ein junges Kamel projizieren. Vier Meter hohe Holzstangen im Durchmesser von dreißig Zentimeter aus fast nicht vergänglichen Eichen, zumindest langlebig eben, ließ er herausarbeiten und auf „seiner“ Schillerhälde fest einbetonieren. Kein Banause solle sie so mir nix dir nix entfernen können, meinte Basil. Die Holzstangen sollen die kosmischen Säulen symbolisieren und zugleich die Beine eines Kamel.Ein Stahlblech aus bestem V2 Stahl ließ er auf Hochglanz polieren und schon in der Fabrik die dieses Stahlblech produzierte mit einer Wölbung versehen, einem Kamelhöcker nicht unähnlich. Dieses Blech mit Kamelhöckerwölbung, auf den vier Holzsäulen lagernd, überspannte die darunter liegende freie Fläche. Zwischen zwei vor ragenden Holzstangen, ließ Basil so etwa in Kopfhöhe eines erwachsenen Menschen eine Querstrebe zimmern mit einem vorgestreckten Eisenhacken der den Kopf des Kameles symbolisieren solle. Dies alles in Richtung der Stadt Rhomstadt. An diesen vorgestreckten Eisenhacken hängte Basil höchst persönlich einen Zinkeimer dran um den Schweiß der Narren zu sammeln. Den Weg von Rhomstadt zu den Schillerhälden ließ er umgestalten. Schwere Granitsteine lagen in Mitte, und gefällte Baumstämme ließen eine unbeschwerte Wanderung nicht zu. An dem Tage der Einweihung ließ er zuvor Wasser aus zahlreichen Wassertanks von der Schillerhälde abwärts über den Fußweg rinnen so dass es eine echte Herausforderung war, sein Projekt der „Platzverführung“ zu besichtigen oder sogar zu genießen. Fertig war der Fußweg zur Reise zu den Wurzeln der Kunst und die Narren im Schweiße der gehabten Anstrengung konnten die kosmischen Säulen bewundern und verstanden dennoch nicht, warum das ganze Gebilde einen Deckel obenauf hatte.

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Die Einweihung.

 

>>Oh, heiliger Sankt Blasentee, Beschützer der Prostataleidenden, Oberbürgermeister, was ist denn das? <<

>>Lieber Hölzel, dass ist van Kerkeleys bedeutendstes Werk. Es gefällt fortschrittlichen, intelligenten Leuten! <<

>>Rhomstädter Bürgerinnen und Bürger, darf ich ihnen mein neuestes Werk "Narrenschweiß" übergeben. <<

>>Hast Du gehört OB, er sagte übergeben, ich sage der Zinkkübel sagt alles! << >>Schnauze Gunther! <<

>>Ich, Basil van Kerkeley habe mich mit meinem Projekt, der alles beherrschenden Umgebung von Rhomstadt angepasst, einfach auf die klaren einfachen Formen geschaut. Sie gaben mir die Schillerhälde mit den schönen Streuobstwiesen, ich gebe ihnen in Kopulation mit dem großen Sohn und Dichter dieses Landes ein Werk, dessen Sprache nicht nur die Kunst, sondern künftig auch der Bürger verstehen wird.

Ich danke ihnen für diesen wahrhaft peripheren Ort... <<

>>Der verhohnepipelt uns, OB! << >> Recht hat er, es wollte mir ja keiner den Marktplatz geben, dass zahl ich dem Gemeinderat heim. <<

>>...denn auch dieses Stück Rhomstadt birgt zweifelsohne seine zugeordnete Reize. Nun ich weiß, dass sie liebe Rhomstädter auf die aussagekräftige Sprache der Kunst, die ein Medium zahlreicher Künstler in aller Welt ist, eine Translation wissen möchten. Ich wünsche mir auch im Namen meiner vielen Kollegen, dass in einer fernen Zukunft eine Übersetzung der Künstlersprache in die bürgerliche Sprache, sehr viel einfacher sein wird. Das sie eines Tages nicht mehr nötig ist und daran wollen wir gemeinsam wirken. <<

>>Das war die Ouvertüre, wann kommt endlich die Arie? <<

>>Ari Haan, der holländische Fußballer kommt auch? <<

>>Pst! <<

>>Sie erinnern sich liebe Bürgerinnen und Bürger, als ich von "Narrenschweiß" sprach, dass wir die Analogie der Reise zu den Wurzeln der Kunst vornehmen werden und die Fruchtbarkeit der kosmischen Säulen den Schweiß der Narren gebären, so wie wir im Anfang sind. Was sagt dies dem Künstler und wie versteht es der Bürger? Der Bürger vernimmt nur die Begriffe "Narren" und vielleicht noch "Schweiß". Alles weitere, scheint Abstrakt und weit hergeholt. Er verdrängt. Und da liegt der ewig scheinende Zwiespalt von "Kunst und Bürger"! Mit Narren und Schweiß verbindet der Bürger Assoziationen und bringt es in seine Gedankenwelt. Und da muss es zwangsläufig scheitern.Die Kunst, in ihrer angeborenen Vollkommenheit kennt weder Hass noch Vergeltung. Häme, Zorn, Streit und Missgunst sind bei ihr nicht zu Haus. Wenn man dies erkennt, ist man bereits auf der Reise zu ihren Wurzeln. Die kosmischen Säulen finden sie in der Windrose wieder. Überall, wird Leben aus fruchtbaren Leibern im Schweiß geboren. Vielfältige Rassen und Hautfarben werden als Menschen geboren. Babys, die im Tarot als Narren bezeichnet werden weil sie den "Beginn" darstellen. Sie sind vollkommen, wie die Sprache der Kunst. Als erwachsener Mensch verliert er diese Sprache leider wieder. Und hier lassen sie uns mit dem wiedererlernen unserer ersten Sprache beginnen. Ich danke ihnen. Danke. <<

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Im Schwitzbad, nach der Einweihung.

 

OB: Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass van Kerkeley, die Kunst, und alle Kunstverständigen zusammen, hehre Ziele verfolgen. Und dieser widerliche Gemeinderat gibt mir meinen Marktplatz nicht. Im Gegenteil, die Streuobstwiesen müssen herhalten. Rhomstadt ist zu einem parzizibus infernolium verkommen. Die Gemeinderäte müssen sich künftig warm anziehen. Ich sage nur: vae victis!

Kustos: Von den hehren Wurzeln der Kunst bist du aber noch weit weg, Johannes. Außerdem heißt nicht parzizibus infernolium sondern partibus infidelium.

Chefredakteur: Was issen das trotzdem?

Bürgermeister: Odium Profanus Vulgivaga, OB. Vergiss es, die sind einfach zu doof!

Kämmerer: Was redet der Bürgermeister für einen Schrott zusammen, was will uns diese Vulgivagina bloß sagen? Gieß lieber Mal Wasser auf, Wurzel.

Chefredakteur: Regt euch nicht auf Leute, ich mache einen Artikel über van Kerkeley und seinem Narrenschweiß, dass es selbst dem Chefredakteur der "ZYMA", die Hosen auszieht. Rhomstadt kann rehabilitiert werden, kann sogar Kulturhauptstadt werden.

Kämmerer: Typische Pressediktatur! Du bringst es fertig aus Rhomstadt ein internationales Kunstzentrum zu zimmern. Vom Ochsenkarren zum Ferrari mit einem Oberbürgermeister am Volant und einem Bürgermeister als Kühlerfigur der als unheilige umherschweifende Venus mit Löchern in den Socken das Rathaus unsicher macht. Hast du eigentlich Mundgeruch Bürgermeister?

Bürgermeister: Ich weiß Benjamin Hölzel, dass du es nie verkraftet hast, dass ich deine Freundin Hanne flachgelegt habe.

Kämmerer: Die habe ich aufm Flohmarkt abgelegt du Tiefflieger!

Kustos: Was wohl die Tilly Vadenholtz sagen würde, wenn sie euch Proleten hören könnte? Bei der Einweihungsfeier seid ihr um sie geschlichen wie picklige Pennäler und führtet scheinintelligente Gespräche.

Kämmerer: Die Tilly wäre mir hier in der Sauna lieber als der Bürgermeister mit seinem Nonnenbauch. Die hat Verve sag ich euch.

OB: Und ich sage euch Jungs, im nächsten Jahr ziehen wir wieder so ein Ding auf, aber auf dem Markplatz, damit es alle sehen können. Ich drücke denen die Kunst rein, bis sie ihnen zu den Ohren raus kommt!

Unisono außer dem Kämmerer: Jawohl, das machen wir, so kommt Leben in die Pawlatsche!

Kämmerer: Macht doch was ihr wollt, d´Hauptsach die Kultur koscht euch nix, isch eh zwecklos bei euch.

 

 

 

 

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